Sunday, November 1, 2009
Küßten und drückten die Hände mit Inbrunst. Aber Odysseus
Tuesday, June 30, 2009
Wer andre kennt, ist klug.
Wer sich selber kennt, ist weise.
Wer andere besiegt, hat Kraft.
Wer sich selber besiegt, ist stark.
Wer sich durchsetzt, hat Willen.
Wer sich genügen läßt, ist reich.
Wer seinen Platz nicht verliert, hat Dauer.
Wer auch im Tode nicht untergeht, der lebt.
D
er Name oder die Person:
was steht näher?
Die Person oder der Besitz:
was ist mehr?
Gewinnen oder verlieren:
was ist schlimmer?
Nun aber:
Wer sein Herz an andres hängt,
verbraucht notwendig Großes.
Wer viel sammelt,
verliert notwendig Wichtiges.
Wer sich genügen lässet,
kommt nicht in Schande.
Wer Einhalt zu tun weiß,
kommt nicht in Gefahr
und kann so ewig dauern.
W
er festhält des LEBENS Völligkeit,
der gleicht einem neugeborenen Kindlein:
Giftige Schlangen stechen es nicht.
Reißende Tiere packen es nicht.
Raubvögel stoßen nicht nach ihm.
Seine Knochen sind schwach, seine Sehnen weich,
und doch kann es fest zugreifen.
Es weiß noch nichts von Mann und Weib,
und doch regt sich sein Blut,
weil es des Samens Fülle hat.
Es kann den ganzen Tag schreien,
und doch wird seine Stimme nicht heiser,
weil es des Friedens Fülle hat.
Den Frieden erkennen heißt ewig sein.
Die Ewigkeit erkennen heißt klar sein.
Das Leben mehren nennt man Glück.
Für sein Begehren seine Kraft einsetzen nennt man stark.
Sind die Dinge stark geworden, altem sie.
Denn das ist Wider-SINN.
Und Wider-SINN ist nahe dem Ende.
E
in Land mag klein sein
und seine Bewohner wenig.
Geräte, die der Menschen Kraft vervielfältigen,
lasse man nicht gebrauchen.
Man lasse das Volk den Tod wichtig nehmen
und nicht in die Ferne reisen.
Ob auch Schiffe und Wagen vorhanden wären,
sei niemand, der darin fahre.
Ob auch Panzer und Wagen da wären,
sei niemand, der sie entfalte
Man lasse das Volk wieder Stricke knoten
und sie gebrauchen statt der Schrift.
Mach süß sein Speise
und schön seine Kleidung,
friedlich seine Wohnung
und fröhlich seine Sitten.
Nachbarländer mögen in Sehweite liegen,
daß man den Ruf der Hähne und Hunde
gegenseitig hören kann:
und doch sollen die Leute im höchsten Alter sterben,
ohne hin und her gereist zu sein.
D
aß Ströme und Meere Könige aller Bäche sind,
kommt daher, daß sie sich gut unten halten können.
Darum sind sie die Könige aller Bäche.
Also auch der Berufene:
Wenn er über seinen Leuten stehen will,
so stellt er sich in seinem Reden unter sie.
Wenn er seinen Leuten voran sein will,
so stellt er sich in seiner Person hintan.
Also auch:
Er weilt in der Höhe,
und die Leute werden durch ihn nicht belastet.
Er weilt am ersten Platze,
und die Leute werden von ihm nicht verletzt.
Also auch:
Die ganze Welt ist willig, ihn voranzubringen,
und wird nicht unwillig.
Weil er nicht streitet,
kann niemand auf der Welt mit ihm streiten
.
Friday, May 29, 2009
Yamauba
9. Die Reue (At-Taubah).
1. (Dies ist) eine Lossprechung (von jeglicher Verpflichtung) seitens Allahs und Seines Gesandten; (sie ist) an diejenigen Götzendiener (gerichtet), mit denen ihr ein Bündnis abgeschlossen habt.
2. So zieht denn vier Monate lang im Lande umher und wisset, daß ihr Allahs (Plan) nicht zuschanden machen könnt und daß Allah die Ungläubigen demütigen wird.
3. Und (dies ist) eine Ankündigung von Allah und Seinem Gesandten an die Menschen am Tage der großen Pilgerfahrt, daß Allah der Götzendiener ledig ist und ebenso Sein Gesandter. Bereut ihr also, so wird das besser für euch sein; kehrt ihr euch jedoch ab, so wisset, daß ihr Allahs (Plan) nicht zuschanden machen könnt. Und verheiße denen schmerzliche Strafe, die ungläubig sind.
4. Davon sind diejenigen Götzendiener ausgenommen, mit denen ihr einen Vertrag eingegangen seid und die es euch an nichts haben fehlen lassen und die keine anderen gegen euch unterstützt haben. Diesen gegenüber haltet den Vertrag bis zum Ablauf der Frist ein. Wahrlich, Allah liebt diejenigen, die (Ihn) fürchten.
5. Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet, und ergreift sie und belagert sie und lauert ihnen aus jedem Hinterhalt auf. Wenn sie aber bereuen und das Gebet verrichten und die Zakah entrichten, dann gebt ihnen den Weg frei. Wahrlich, Allah ist Allvergebend, Barmherzig
6. und wenn einer der Götzendiener bei dir Schutz sucht, dann gewähre ihm Schutz, bis er Allahs Worte vernehmen kann; hierauf lasse ihn den Ort seiner Sicherheit erreichen. Dies (soll so sein), weil sie ein unwissendes Volk sind.
7. Wie kann es einen Vertrag geben zwischen den Götzendienern und Allah und Seinem Gesandten - allein die ausgenommen, mit denen ihr bei der heiligen Moschee ein Bündnis eingingt -? Solange diese euch die Treue halten, haltet ihnen die Treue. Wahrlich, Allah liebt diejenigen, die (Ihn) fürchten.
8. Wie? Würden sie doch, wenn sie euch besiegten, weder Bindungen noch Verpflichtungen euch gegenüber einhalten! Sie würden euch mit dem Munde gefällig sein, indes ihre Herzen sich weigerten; und die meisten von ihnen sind Frevler.
9. Sie verkaufen Allahs Zeichen für einen geringen Preis und halten von Seinem Weg ab. Übel ist wahrlich, was sie tun.
10. Sie achten keine Bindung und keine Verpflichtung gegenüber einem Gläubigen; und sie sind die Übertreter.
11. Bereuen sie aber und verrichten sie das Gebet und entrichten sie die Zakah, so sind sie eure Brüder im Glauben. Und Wir machen die Zeichen klar für die wissenden Leute.
12. Wenn sie aber nach ihrem Vertrag ihre Eide brechen und euren Glauben angreifen, dann bekämpft die Anführer des Unglaubens - sie halten ja keine Eide -, so daß sie (davon) ablassen.
13. Wollt ihr nicht gegen Leute kämpfen, die ihre Eide gebrochen haben und die den Gesandten zu vertreiben planten - sie waren es ja, die euch zuerst angegriffen haben -? Fürchtet ihr sie etwa? Allahs Würde geziemt es eher, daß ihr Ihn fürchtet, wenn ihr Gläubige seid.
14. Bekämpft sie; so wird Allah sie durch eure Hand bestrafen und demütigen und euch gegen sie helfen und den Herzen eines gläubigen Volkes Heilung bringen
15. und Er wird die Wut aus ihren Herzen bannen. Und Allah kehrt Sich gnädig dem zu, dem Er will. Und Allah ist Allwissend, Allweise.
16. Meint ihr etwa, ihr würdet verlassen sein, wo Allah doch noch nicht jene von euch gezeichnet hat, die (in Seiner Sache) kämpfen und sich keinen zum Vertrauten nehmen außer Allah und Seinen Gesandten und die Gläubigen? Und Allah weiß recht wohl, was ihr tut.
17. Die Götzendiener dürfen keine Erhaltung der Moscheen Allahs vornehmen, solange sie gegen sich selbst den Unglauben bezeugen. Sie sind es, deren Werke nichtig sein sollen, und sie müssen auf ewig im Feuer bleiben.
18. Wahrlich, der allein vermag die Erhaltung der Moscheen Allahs vorzunehmen, der an Allah und an den Jüngsten Tag glaubt und das Gebet verrichtet und die Zakah entrichtet und keinen außer Allah fürchtet: diese also mögen unter denen sein, welche den rechten Weg finden.
19. Wollt ihr etwa die Tränkung der Pilger und die Erhaltung der heiligen Moschee (den Werken) dessen gleichsetzen, der an Allah und an den Jüngsten Tag glaubt und auf Allahs Weg kämpft? Vor Allah sind sie nicht gleich. Und Allah weist nicht den ungerechten Leuten den Weg.
http://www.wunderdesquran.com/index2.html
!
2. Die Kuh (Al-Baqarah).
1. Alif Lam Mim.
2. Dies ist (ganz gewiß) das Buch (Allahs), das keinen Anlaß zum Zweifel gibt, (es ist) eine Rechtleitung für die Gottesfürchtigen
3. die an das Verborgene glauben und das Gebet verrichten und von dem ausgeben, was Wir ihnen beschert haben
4. und die an das glauben, was auf dich und vor dir herabgesandt wurde, und die mit dem Jenseits fest rechnen.
5. Diese folgen der Leitung ihres Herrn und diese sind die Erfolgreichen.
6. Wahrlich, denen, die ungläubig sind, ist es gleich, ob du sie warnst oder nicht warnst: sie glauben nicht.
7. Versiegelt hat Allah ihre Herzen und ihr Gehör; und über ihren Augen liegt ein Schleier; ihnen wird eine gewaltige Strafe zuteil sein.
8. Und manche Menschen sagen: “Wir glauben an Allah und an den Jüngsten Tag”, doch sie sind keine Gläubigen.
9. Sie versuchen, Allah und die Gläubigen zu betrügen, und doch betrügen sie nur sich selbst, ohne daß sie dies empfinden.
10. In ihren Herzen ist eine Krankheit, und Allah mehrt ihre Krankheit, und für sie ist eine schmerzliche Strafe dafür (bestimmt), daß sie logen.
11. Und wenn ihnen gesagt wird: “Stiftet kein Unheil auf der Erde”, so sagen sie: “Wir sind doch die, die Gutes tun.”
12. Gewiß jedoch sind sie die, die Unheil stiften, aber sie empfinden es nicht.
13. Und wenn ihnen gesagt wird: “Glaubt wie die Menschen geglaubt haben”, sagen sie: “Sollen wir etwa wie die Toren glauben?” Gewiß jedoch sind sie selbst die Toren, aber sie wissen es nicht.
14. Und wenn sie mit den Gläubigen zusammentreffen, so sagen sie: “Wir glauben”. Wenn sie aber mit ihren Satanen allein sind, sagen sie: “Wir sind ja mit euch; wir treiben ja nur Spott.”
15. Allah verspottet sie und läßt sie weiter verblendet umherirren.
16. Diese sind es, die das Irregehen gegen die Rechtleitung eingetauscht haben, doch ihr Handel brachte ihnen weder Gewinn, noch werden sie rechtgeleitet.
17. Ihr Beispiel ist dem Beispiel dessen gleich, der ein Feuer anzündet; und als es nun alles um ihn herum erleuchtet hatte, ließ Allah ihr Licht verschwinden und ließ sie in Finsternissen zurück, und sie sahen nichts
18. taub, stumm und blind; und so kehrten sie nicht um.
19. Oder (ihr Beispiel ist) gleich (jenen bei) einem Regenguß vom Himmel, voller Finsternisse, Donner und Blitz; sie stecken ihre Finger in ihre Ohren in Todesangst vor den Donnerschlägen. Und Allah hat die Ungläubigen in Seiner Gewalt.
20. Der Blitz raubt ihnen beinahe ihr Augenlicht: Sooft er ihnen Licht gibt, gehen sie hindurch, und wenn es dunkel um sie wird, so bleiben sie stehen. Und wenn Allah wollte, hätte Er ihnen gewiß Gehör und Augenlicht genommen. Wahrlich, Allah ist über alle Dinge Mächtig.
21. O ihr Menschen, dient eurem Herrn, Der euch und diejenigen vor euch erschaffen hat, damit ihr gottesfürchtig sein möget
22. Der euch die Erde zu einer Ruhestätte und den Himmel zu einem Bau gemacht hat und vom Himmel Wasser herniedersandte und dadurch Früchte als Gabe für euch hervorbrachte, darum setzt Allah nichts gleich, wo ihr doch wisset.
23. Und wenn ihr im Zweifel seid über das, was Wir auf Unseren Diener herabgesandt haben, so bringt doch eine Sura gleicher Art herbei und beruft euch auf eure Zeugen außer Allah, wenn ihr wahrhaftig seid.
24. Und wenn ihr es aber nicht tut und ihr werdet es bestimmt nicht tun so fürchtet das Feuer, dessen Brennstoff Menschen und Steine sind; es ist für die Ungläubigen vorbereitet.
25. Und verkünde die frohe Botschaft denjenigen, die glauben und Gutes tun, auf daß ihnen Gärten zuteil werden, in deren Niederungen Bäche fließen; und sooft sie eine Frucht daraus bekommen, sagen sie: “Das ist doch das, was wir schon früher zu essen bekamen.” Doch ihnen wird nur Ähnliches gegeben. Und ihnen gehören darin Gattinnen vollkommener Reinheit und sie werden ewig darin bleiben.
26. Wahrlich, Allah schämt sich nicht, irgendein Gleichnis zu prägen von einer Mücke oder von etwas Höherem. Nun diejenigen, die glauben, wissen, daß es die Wahrheit von ihrem Herrn ist. Diejenigen aber, die ungläubig sind, sagen: “Was wollte denn Allah mit einem solchen Gleichnis?” Er führt damit viele irre und leitet viele auch damit recht. Doch die Frevler führt Er damit irre
27. die den Bund Allahs brechen, nachdem dieser geschlossen wurde, und die zerreißen, was nach Allahs Gebot zusammengehalten werden soll, und Unheil auf der Erde anrichten. Diese sind die Verlierer.
28. Wie könnt ihr Allah leugnen, wo ihr doch tot waret und Er euch lebendig machte und euch dann sterben läßt und euch dann (am Jüngsten Tag) lebendig macht, an dem ihr zu Ihm zurückkehrt?
29. Er ist es, Der für euch alles auf der Erde erschuf; als dann wandte Er Sich den Himmeln zu und richtete sie zu sieben Himmeln auf; und Er ist aller (Dinge) kundig.
30. Und als dein Herr zu den Engeln sprach: “Wahrlich, Ich werde auf der Erde einen Nachfolger einsetzen”, sagten sie: “Willst Du auf ihr jemanden einsetzen, der auf ihr Unheil anrichtet und Blut vergießt, wo wir doch Dein Lob preisen und Deine Herrlichkeit rühmen?” Er sagte: “Wahrlich, Ich weiß, was ihr nicht wisset.”
31. Und Er brachte Adam alle Namen bei, dann brachte Er diese vor die Engel und sagte: ” Nennt mir die Namen dieser Dinge, wenn ihr wahrhaftig seid!”
32. Sie sprachen: “Gepriesen seist Du. Wir haben kein Wissen außer dem, was Du uns gelehrt hast; wahrlich, Du bist der Allwissende, der Allweise.”
33. Er sprach: “O Adam, nenne ihnen ihre Namen!” Und als er ihnen ihre Namen nannte, sprach Er: “Habe Ich nicht gesagt, daß Ich das Verborgene der Himmel und der Erde kenne, und daß Ich kenne, was ihr offenbart und was ihr verborgen gehalten habt.”
34. Und als Wir zu den Engeln sprachen: “Werft euch vor Adam nieder”, da warfen sie sich nieder bis auf Iblis; er weigerte sich und war hochmütig. Und damit wurde er einer der Ungläubigen.
35. Und Wir sprachen: “O Adam, verweile du und deine Gattin im Paradies und esset uneingeschränkt von seinen Früchten, wo immer ihr wollt! Kommt jedoch diesem Baum nicht nahe, sonst würdet ihr zu den Ungerechten gehören.”
36. Doch Satan ließ sie dort straucheln und brachte sie aus dem Zustand heraus, in dem sie waren. Da sprachen Wir: “Geht (vom Paradies) hinunter! Der eine von euch sei des anderen Feind. Und ihr sollt auf der Erde Wohnstätten und Versorgung auf beschränkte Dauer haben.”
37. Da empfing Adam von seinem Herrn Worte, worauf Er ihm verzieh; wahrlich, Er ist der Allverzeihende, der Barmherzige.
38. Wir sprachen: “Geht hinunter von hier allesamt!” Und wenn dann zu euch Meine Rechtleitung kommt, brauchen diejenigen, die Meiner Rechtleitung folgen, weder Angst zu haben, noch werden sie traurig sein.
39. Diejenigen aber, die ungläubig sind und Unsere Zeichen für Lüge erklären, werden Bewohner des Feuers sein, in dem sie auf ewig verweilen sollen.
40. O ihr Kinder Israels! Gedenkt Meiner Gnade, die Ich euch erwiesen habe und erfüllt euer Versprechen Mir gegenüber, so erfülle Ich Mein Versprechen euch gegenüber. Und Mich allein sollt ihr fürchten.
41. Und glaubt an das, was Ich als Bestätigung dessen herabgesandt habe, was bei euch ist, und seid nicht die ersten, die dies verleugnen! Und tauscht Meine Zeichen nicht ein gegen einen geringen Preis, und Mir allein gegenüber sollt ihr ehrfürchtig sein.
42. Und mischt nicht Wahrheit mit Unrecht durcheinander! Und verschweigt nicht die Wahrheit, wo ihr (sie) doch kennt.
43. Und verrichtet das Gebet und entrichtet die Zakah und verneigt euch mit den Sich- Verneigenden.
44. Wollt ihr den Menschen Aufrichtigkeit gebieten und euch selbst vergessen, wo ihr doch das Buch lest! Habt ihr denn keinen Verstand?
45. Und helft euch durch Geduld und Gebet; dies ist wahrlich schwer, außer für Demütige
46. welche es ahnen, daß sie ihrem Herrn begegnen und daß sie zu Ihm heimkehren werden.
47. O ihr Kinder Israels! Gedenkt Meiner Gnade, mit der Ich euch begnadete und (denkt daran,) daß Ich euch allen Welten vorgezogen habe.
48. Und meidet den Tag, an dem keine Seele für eine andere bürgen kann und von ihr weder Fürsprache noch Lösegeld angenommen wird; und ihnen wird nicht geholfen.
49. Und denkt daran, daß Wir euch vor den Leuten des Pharao retteten, die euch schlimme Pein zufügten, indem sie eure Söhne abschlachteten und eure Frauen am Leben ließen. Darin lag eine schwere Prüfung von eurem Herrn.
50. Und denkt daran, daß Wir für euch das Meer teilten und euch retteten, während Wir die Leute des Pharao vor euren Augen ertrinken ließen.
51. Und denkt daran, daß Wir Uns mit Moses vierzig Nächte verabredeten, als ihr dann hinter seinem Rücken das Kalb nahmt und damit Unrecht begingt.
52. Alsdann vergaben Wir euch, auf daß ihr dankbar sein möget.
53. Und denkt daran, daß Wir Moses das Buch gaben, sowie die Unterscheidung, auf daß ihr rechtgeleitet werden möget.
54. Und da sagte Moses zu seinen Leuten: “O meine Leute! Ihr habt auf euch selbst eine schwere Schuld geladen, indem ihr euch das Kalb nahmt; so kehrt reumütig zu eurem Schöpfer zurück und tötet selbst eure Schuldigen. Dies ist für euch besser bei eurem Schöpfer.” Alsdann vergab Er euch; wahrlich, Er ist der Allvergebende, der Barmherzige.
55. Und als ihr sagtet: “O Moses! Wir werden dir gewiß nicht glauben, bis wir Allah unverhüllt sehen”, da traf euch der Blitzschlag, während ihr zuschautet.
56. Dann erweckten Wir euch wieder nach eurem Tode, auf daß ihr dankbar sein möget
57. und Wir ließen die Wolken über euch Schatten werfen und sandten euch Manna und Wachteln herab: “Esset von den guten Dingen, die Wir euch gegeben haben”; sie schadeten Uns aber nicht; vielmehr schadeten sie sich selbst.
58. Und Wir sagten: “Tretet ein in diese Stadt und esset von dort wo immer ihr wollt nach Herzenslust, und tretet durch das Tor ein, indem ihr euch niederwerft und sagt: “Vergebung!”, auf daß Wir euch eure Missetaten vergeben. Und Wir werden den Rechtschaffenen mehr geben.
59. Doch die Ungerechten vertauschen das Wort mit einem, das ihnen nicht gesagt wurde. Da sandten Wir auf die Ungerechten eine Strafe vom Himmel herab, weil sie gefrevelt hatten.
60. Und als Moses für sein Volk um Wasser bat, da sagten Wir: “Schlag mit deinem Stock auf den Felsen.” Da sprudelten aus ihm zwölf Quellen heraus. So kannte jeder Stamm seine Trinkstelle. “Esset und trinkt von dem, was Allah euch gegeben hat, und richtet auf Erden kein Unheil an.”
61. Und als ihr sagtet: ” O Moses, wir können uns mit einer einzigen Speise nicht mehr zufriedengeben. Bitte also deinen Herrn für uns, daß Er uns (Speise) von dem hervorbringe, was die Erde wachsen läßt, (von) Kräutern, Gurken, Knoblauch, Linsen und Zwiebeln Da sagte er: “Wollt ihr etwa das, was geringer ist, in Tausch nehmen für das, was besser ist? Geht doch zurück in eine Stadt. Dort werdet ihr das erhalten, was ihr verlangt!” Und Schande und Elend kamen über sie und sie verfielen dem Zorn Allahs. Dies (geschah deshalb), weil sie immer wieder die Zeichen Allahs leugneten und die Propheten zu Unrecht töteten; dies (geschah), weil sie sich auflehnten und immer wieder übertraten.
62. Wahrlich, diejenigen, die glauben, und die Juden, die Christen und die Sabäer, wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt und Gutes tut diese haben ihren Lohn bei ihrem Herrn und sie werden weder Angst haben noch werden sie traurig sein.
63. Und als Wir mit euch einen Bund schlossen und über euch den Berg emporragen ließen (und zu euch sagten): “Haltet fest an dem, was Wir euch gebracht haben, und gedenkt dessen, was darin enthalten ist; vielleicht werdet ihr gottesfürchtig sein”
64. da habt ihr euch abgewandt; und wenn nicht die Gnade Allahs und Seine Barmherzigkeit über euch gewesen wären, so wäret ihr gewiß unter den Verlierenden gewesen.
65. Und gewiß habt ihr diejenigen unter euch gekannt, die das Sabbat-Gebot brachen. Da sprachen Wir zu ihnen: “Werdet ausgestoßene Affen.”
66. Und Wir machten dies zu einem warnenden Beispiel für alle Zeiten und zu einer Lehre für die Gottesfürchtigen.
67. Und als Moses zu seinem Volk sagte: “Wahrlich, Allah befiehlt euch, eine Kuh zu schlachten” sagten sie: “Willst du dich über uns lustig machen?” Er sagte: “Allah bewahre mich davor, einer der Unwissenden zu sein.”
68. Sie sagten: “Bitte für uns deinen Herrn, daß Er uns erkläre, wie sie sein soll.” Er sagte: “Wahrlich, Er sagt, sie soll eine Kuh sein, die nicht zu alt und nicht zu jung ist, sondern ein Alter dazwischen hat. So tut das, was euch befohlen wird.”
69. Sie sagten: “Rufe für uns deinen Herrn an, daß Er uns erkläre, welche Farbe sie haben soll.” Er (Moses) sagte: “Wahrlich, Er sagt, es soll eine gelbe Kuh sein von lebhafter Farbe, die die Schauenden erfreut.”
70. Sie sagten: “Rufe für uns deinen Herrn an, daß Er uns erkläre, wie sie sein soll. Für uns sind die Kühe einander ähnlich; und wenn Allah will, werden wir gewiß rechtgeleitet sein!”
71. Er (Moses) sagte: “Wahrlich, Er sagt, es soll eine Kuh sein, die nicht abgerichtet ist, die weder den Boden pflügt noch den Acker bewässert, makellos, ohne jeglichen Flecken.” Da sagten sie: “Jetzt bist du mit der Wahrheit gekommen.” So schlachteten sie sie, und beinahe hätten sie es nicht getan.
72. Und als ihr jemanden getötet und darüber untereinander gestritten hattet, da sollte Allah ans Licht bringen, was ihr verborgen hieltet.
73. Da sagten Wir: “Berührt ihn mit einem Stück von ihr!” So bringt Allah die Toten wieder zum Leben und zeigt euch Seine Zeichen; vielleicht werdet ihr es begreifen.
74. Sodann verhärteten sich eure Herzen, so daß sie wie Steine wurden oder noch härter. Es gibt doch Steine, aus denen Bäche hervorsprudeln, und es gibt auch welche unter ihnen, die bersten und aus denen Wasser herausfließt. Und es gibt welche unter ihnen, die herniederstürzen aus Furcht vor Allah. Und Allah ist eures Tuns nicht achtlos.
75. Verlangt ihr denn, daß sie euch glauben, wo doch eine Schar von ihnen das Wort Allahs bereits gehört und es dann, nachdem sie es begriffen hatten, bewußt verfälschten?
76. Und wenn sie mit denen zusammentreffen, die glauben, so sagen sie: “Wir glauben”. Und wenn sie aber untereinander allein sind, sagen sie: “Sprecht ihr zu ihnen über das, was Allah euch eröffnet hat, damit sie es vor eurem Herrn als Argument gegen euch verwenden? Begreift ihr denn nicht?”
77. Als ob sie nicht wüßten, daß Allah weiß, was sie verheimlichen und was sie kundtun!
78. Es gibt Ungelehrte unter ihnen, die das Buch nicht kennen, sondern nur Wunschvorstellungen; und sie stellen nichts anderes als Vermutungen an.
79. Doch wehe denen, die das Buch mit ihren eigenen Händen schreiben und dann sagen: “Dies ist von Allah”, um dafür einen geringen Preis zu erlangen! Wehe ihnen also ob dessen, was ihre Hände geschrieben und wehe ihnen ob dessen, was sie erworben haben!
80. Und sie sagen: “Gewiß wird uns das Feuer nicht berühren, außer auf abgezählte Tage!” Sprich: “Habt ihr etwa ein Versprechen (darüber) von Allah erhalten? Dann wird Allah Sein Versprechen bestimmt nicht brechen oder wollt ihr über Allah (etwas) sagen, wovon ihr kein Wissen besitzt?”
81. Doch! Wer sich Übeles erworben hat und sich in seiner Sündhaftigkeit eingefangen hält diese werden Bewohner des Feuers sein. Darin werden sie ewig bleiben.
82. Diejenigen aber, die glauben und gute Werke tun, werden die Bewohner des Paradieses sein. Darin werden sie ewig bleiben.
83. Und als Wir mit den Kindern Israels einen Bund schlossen: “Ihr sollt niemanden außer Allah anbeten, euch den Eltern, Verwandten, Waisen und Armen gegenüber wohltätig erweisen, freundlich zu den Menschen sprechen, das Gebet verrichten und die Zakah entrichten”, so habt ihr euch danach abgewendet bis auf wenige unter euch, indem ihr abtrünnig bliebt.
84. Und als Wir mit euch einen Bund schlossen: “Ihr sollt weder euer Blut vergießen noch euch gegenseitig aus euren Häusern vertreiben”, habt ihr es dann zugesagt und es bezeugt.
85. Dennoch seid gerade ihr es, die ihr euch gegenseitig tötet und einen Teil von euch aus seinen Häusern vertreibt, indem ihr gemeinsam gegen sie vorgeht in Sünde und Unrecht. Wenn sie jedoch als Gefangene zu euch kommen, kauft ihr sie los, wo euch doch ihre Vertreibung verboten worden ist. Glaubt ihr denn an einen Teil des Buches und leugnet einen anderen Teil? Für diejenigen unter euch, die solches tun, gibt es aber keine andere Vergeltung außer Schande in diesem Leben; und am Tage der Auferstehung werden sie der strengsten Bestrafung zugeführt werden. Und Allah ist eures Tuns nicht achtlos.
86. Diese sind es, die das diesseitige Leben um das jenseitige erkauft haben; deshalb wird ihnen
die Strafe nicht erleichtert und ihnen nicht geholfen werden.
87. Wahrlich, Wir gaben Moses das Buch und ließen ihm die Gesandten nachfolgen; und Wir gaben Jesus, dem Sohn Marias, die klaren Beweise und unterstützten ihn durch heilige Eingebung. Doch sooft euch ein Gesandter etwas brachte, was euch nicht behagte, waret ihr hochmütig und erklärtet einige für Lügner und erschluget andere!
88. Und sie sagten: “Unsere Herzen sind unempfindlich.” Aber nein! Allah hat sie wegen ihres Unglaubens verflucht. Darum sind sie wenig gläubig.
Saturday, May 23, 2009
!
(257) Sokrates: Wahrlich viel Dank bin ich dir schuldig, o Theodoros, für die Bekanntschaft mit dem Theaitetos, und auch für die mit dem Fremden.
Theodoros: Und dreifachen wirst du vielleicht schuldig sein, wenn sie dir erst den Staatsmann werden fertig gemacht haben und den Philosophen.
Sokrates: Wohl! Sollen wir sagen, lieber Theodoros, daß wir dieses so gehört haben von dem ersten Meister in den Rechnungen und in der Meßkunst?
Theodoros: Wie so, Sokrates?
Sokrates: Daß er diese Männer alle gleich geschätzt hat, die doch ihrem Werte nach weiter von einander abstehen als nach dem von eurer Kunst benannten Verhältnis?
Theodoros: Gar schön bei unserm Gott dem Ammon, o Sokrates, und sehr recht hast du mir das aufgefaßt, und mir meinen Rechnungsfehler vorgeworfen. Und dich will ich ein andermal schon dafür heimsuchen; du aber, Fremdling, laß ja noch nicht ab uns gefällig zu sein, sondern wie es dir lieber ist, sei es zuerst den Staatsmann oder den Philosophen, nimm uns nach einander durch.
Fremder: Das müssen wir wohl tun, Theodoros; weil wir es einmal unternommen haben, dürfen wir nicht eher ablassen bis wir mit ihnen zu Ende gekommen sind. Allein wie soll ich es mit unserem Theaitetos halten?
Theodoros: Weshalb?
Fremder: Sollen wir ihn nun ausruhen lassen, und diesen seinen Mitschüler Sokrates zuziehen? oder was rätst du?
Theodoros: Wie du sagtest, ziehe diesen zu. Denn jung wie sie sind, werden sie jede Anstrengung leichter tragen, wenn sie dazwischen ruhen.
Sokrates: Mit mir, o Fremdling, scheinen ja beide eine gewisse Verwandtschaft zu haben. Denn von dem Einen sagt Ihr Ihr fändet seine Gesichtszüge den meinigen ähnlich, und an dem andern stellt schon der gleichlautende Name und die (258) Anrede eine Angehörigkeit dar. Und Verwandte muß man allewege auch im Gespräch gern kennen lernen. Mit dem Theaitetos nun bin ich selbst gestern im Gespräch begriffen gewesen, und jetzt habe ich ihn dir antworten gehört; den Sokrates aber keines von beiden, und ich muß doch auch diesen in Augenschein nehmen. Mir also soll er ein andermal, dir aber jetzt antworten.
Fremder: So sei es. Und du, o Sokrates, hörst du was Sokrates sagt?
Der jüngere Sokrates: Ja.
Fremder: Und stimmst auch ein zu dem was er sagt?
Der jüngere Sokrates: Allerdings.
Fremder: Von deiner Seite scheint also nichts im Wege zu stehen, und noch weniger soll wohl von der meinigen im Wege stehen. Also nach dem Sophisten ist nun notwendig, wie mir scheint, daß wir den Staatsmann aufsuchen. Und sage mir, ob wir ihn auch als einen Kundigen setzen wollen, oder wie?
Der jüngere Sokrates: Allerdings so.
Fremder: Also müssen wir die Kenntnisse einteilen, wie da wir den ersten betrachteten.
Der jüngere Sokrates: Freilich wohl.
Fremder: Aber nicht, wie mich dünkt, Sokrates, nach demselben Schnitt.
Der jüngere Sokrates: Wie sonst?
Fremder: Nach einem andern lieber?
Der jüngere Sokrates: Das läßt sich hören.
Fremder: Wo findet nun aber wohl einer den Pfad der Staatskunst? Denn wir müssen ihn finden und ihn dann ausgesondert von den übrigen in eine eigne Idee ausdrücken, und die übrigen Ausgänge auch mit Einem andern Begriff bezeichnend bewirken, daß unsere Seele sich alle Erkenntnisse in zwei Arten denke.
Der jüngere Sokrates: Das wird nun schon, denke ich, dein Geschäft, Fremdling, und nicht das meinige.
Fremder: Es muß ja doch, o Sokrates, auch deines sein, wenn es uns klar geworden ist.
Der jüngere Sokrates: Schön gesagt.
Fremder: Ist nun nicht die Rechenkunst und einige andere ihr verwandte Künste ganz kahl von Handlung, und bewirkt uns bloß eine Einsicht?
Der jüngere Sokrates: So ist es.
Fremder: Die Tischerei aber und alle andern Handwerke haben die Erkenntnis in Handlungen einwohnend, mit ihnen zusammengewachsen und gemeinschaftlich zu Stande bringend die durch sie entstehenden körperlichen Dinge, welche vorher nicht waren.
Der jüngere Sokrates: Wie sonst?
Fremder: Auf diese Art also teile uns sämtliche Erkenntnisse, und nenne die eine handelnde, die andere lediglich einsehend.
Der jüngere Sokrates: Wohl, diese sollen uns bestehen als der einen gesamten Erkenntnis beide Arten.
Fremder: Setzen wir nun den Staatsmann, den König, den Herrn und noch den Hauswirt alles als Eins unter eine Benennung? oder sollen wir sagen dies wären soviel Künste als wir Namen genannt haben? Doch folge mir lieber hieher.
Der jüngere Sokrates: Wohin?
Fremder: So. Wenn einen von den öffentlich angestellten (259) Ärzten einer gut zu beraten weiß, der selbst kein solcher ist, muß man ihm nicht dennoch den Namen derselben Kunst beilegen, wie dem, welchem er Rat erteilt?
Der jüngere Sokrates: Ja.
Fremder: Und wie? wer den Beherrscher eines Landes zurechtzuweisen versteht, werden wir nicht sagen, daß der, wenn gleich er nur für sich lebt, die Erkenntnis hat die der regierende selbst besitzen sollte?
Der jüngere Sokrates: Das werden wir sagen.
Fremder: Aber die Erkenntnis und Kunst des wahren Königes ist doch die königliche?
Der jüngere Sokrates: Ja.
Fremder: Und wer diese besitzt wird der nicht, er mag nun ein Herrscher sein oder nicht, doch seiner Kunst nach mit Recht ein Herrscher genannt werden?
Der jüngere Sokrates: Billig wäre es wohl.
Fremder: Und Hausvater und Herr ist doch dasselbe?
Der jüngere Sokrates: Wie anders?
Fremder: Und wie? sollten wohl ein Hauswesen von weitläufigem Umfang und eine Stadt von geringem Belang sich bedeutend von einander unterscheiden was die Regierung derselben betrifft?
Der jüngere Sokrates: Wohl gar nicht.
Fremder: Also ist, was wir eben in Erwägung zogen, deutlich, daß es nur Eine Erkenntnis für dies alles gibt. Diese mag nun einer die königliche Kunst oder die Staatskunst oder die Wirtschaftskunst nennen, wir wollen nicht mit ihm darüber streiten.
Der jüngere Sokrates: Wozu auch?
Fremder: Allein soviel ist doch gewiß, daß jeder König mit den Händen und mit dem ganzen Leibe gar wenig zur Befestigung seiner Herrschaft vermag in Vergleich mit der Einsicht und der Stärke der Seele.
Der jüngere Sokrates: Gewiß.
Fremder: Mehr der einsichtigen wollen wir also doch lieber sagen als der handarbeitenden und überhaupt verrichtenden sei der König angehörig?
Der jüngere Sokrates: Wie anders?
Fremder: Also die Staatskunst und den Staatsmann und die Herrscherkunst und den Herrscher, dies alles wollen wir als dasselbige in Eins zusammenstellen.
Der jüngere Sokrates: Gewiß.
Fremder: Würden wir nun nicht weiter kommen, wenn wir nächst diesem die einsichtige Erkenntnis trennten?
Der jüngere Sokrates: Freilich wohl.
Fremder: Gib also recht Acht, ob wir irgendwo an ihr ein Gelenk bemerken.
Der jüngere Sokrates: Sage nur was für eins.
Fremder: Ein solches. Wir hatten doch eine Rechenkunst.
Der jüngere Sokrates: Ja.
Fremder: Die doch auf alle Weise zu den einsichtigen Künsten gehörte?
Der jüngere Sokrates: Wie sollte sie nicht?
Fremder: Und wenn die Rechenkunst den Unterschied in den Zahlen eingesehen, schreiben wir ihr noch ein anderes Werk zu als nur das eingesehene zu beurteilen?
Der jüngere Sokrates: Woher wohl?
Fremder: Aber jeder Baumeister ist doch auch nicht selbst Arbeiter, sondern gebietet nur den Arbeitern.
Der jüngere Sokrates: Ja.
Fremder: Und gibt also doch seine Einsicht dazu her, nicht seiner Hände Arbeit.
Der jüngere Sokrates: So ist es.
Fremder: Mit Recht also würde man sagen, er habe Teil an der bloß einsichtigen Erkenntnis.
(260) Der jüngere Sokrates: Freilich.
Fremder: Diesem nun meine ich, liegt doch ob, nicht nach abgeurteilter Sache am Ende zu sein und sich loszusagen, wie der Rechner sich lossagte, sondern allen und jeden Arbeitern das zweckdienliche anzugeben, bis sie das Aufgegebene vollendet haben.
Der jüngere Sokrates: Richtig.
Fremder: Einsehende sind also sowohl diese insgesamt als auch jene die der Rechenkunst folgen, und nur durch Beurteilung und Anordnung unterscheiden sich diese beiden Arten von einander.
Der jüngere Sokrates: Das scheinen sie.
Fremder: Wenn wir also die gesamte einsichtige Erkenntnis teilend, das eine Glied die beurteilende, das andere die gebietende nennten: so könnten wir sagen, das sei ganz angemessen geteilt.
Der jüngere Sokrates: Nach meiner Meinung wenigstens.
Fremder: Aber die etwas gemeinschaftlich verrichtenden, können immer zufrieden sein wenn sie unter sich übereinstimmen.
Der jüngere Sokrates: Wie sollten sie nicht?
Fremder: So lange es also uns beiden hieran nicht fehlt, wollen wir uns unbekümmert darum lassen, was Andere meinen.
Der jüngere Sokrates: Gerne.
Fremder: Wohlan denn, in welche von diesen beiden Künsten sollen wir den Herrscher stellen? Etwa in die beurteilende wie einen Zuschauer? oder sollen wir lieber sagen daß er zu der gebietenden Kunst gehöre, da er ja doch Herr ist?
Der jüngere Sokrates: Wie sollten wir nicht lieber dies?
Fremder: Die gebietende Kunst müssen wir also nun wieder betrachten ob sie sich wo trennt. Und mich dünkt allerdings, so ohngefähr wie die Kunst der eigentlichen Kaufleute sich absondert von der Kunst der Eigenhändler, so auch das Geschlecht der Herrscher von dem der Herolde sich auszusondern.
Der jüngere Sokrates: Wie das?
Fremder: Fremde Arbeiten, die ihnen zuvor verkauft worden, nehmen doch die Kaufleute und verkaufen sie zum zweitenmale wieder?
Der jüngere Sokrates: Freilich.
Fremder: So auch die vom Stamm der Herolde lassen sich fremde Gedanken auftragen, und tragen sie zum zweitenmale Andern auf.
Der jüngere Sokrates: Ganz richtig.
Fremder: Wie also? wollen wir die Herrscherkunst in Eins vermengen mit der dolmetschenden, Befehle ausrufenden, oder mit der Wahrsagekunst und Heroldskunst und vielen andern verwandten Künsten, denen ebenfalls ein Gebieten zukommt? oder sollen wir dem womit wir die Sache eben verglichen auch den Namen nachbilden, da ohnedies fast unbenannt ist die Gattung der Eigengebietenden? und also auf diese Weise teilen, daß wir das ganze Geschlecht der Könige in die selbstgebietende Kunst stellen, um die übrigen aber uns gar nicht weiter bekümmernd Andern überlassen ihnen einen Namen beizulegen? Denn nur auf den Herrscher ging unsere Untersuchung, nicht auf das entgegengesetzte.
Der jüngere Sokrates: Allerdings.
(261) Fremder: Also da sich dies ziemlich von jenem unterscheidet, ausgesondert durch das Verhältnis der Fremdheit zur Eigentümlichkeit, so müssen wir auch dieses wiederum trennen, wenn es irgendwo nachgeben will, daß wir durchschneiden können.
Der jüngere Sokrates: Freilich.
Fremder: Und das scheint es ja zu wollen. Folge mir nur und schneide mit.
Der jüngere Sokrates: Wo denn?
Fremder: Wen wir uns nur immer als Herrscher denken, der ein Gebieten anwendet, werden wir nicht immer finden, daß der, damit irgend etwas entstehe, gebietet?
Der jüngere Sokrates: Weshalb sonst?
Fremder: Alles entstehende aber in zwei Teile zu sondern ist gar nicht schwer.
Der jüngere Sokrates: Wie doch?
Fremder: Nimmst du es nämlich insgesamt, so ist einiges davon beseelt, anderes unbeseelt.
Der jüngere Sokrates: Ja.
Fremder: Und eben hiernach laß uns der einsichtigen Erkenntnis gebietenden Teil, wenn wir ihn zerschneiden wollen, zerschneiden.
Der jüngere Sokrates: Wonach?
Fremder: Indem wir einiges davon den Entstehungen des Unbeseelten zueignen, anderes denen des beseelten, und so wird das Ganze in zwei Teile geteilt sein.
Der jüngere Sokrates: Allerdings.
Fremder: Den einen Teil davon lassen wir liegen, den anderen nehmen wir auf, und nachdem wir ihn aufgenommen, teilen wir ihn wieder in zwei Teile.
Der jüngere Sokrates: Welchen von beiden meinst du aber sollen wir aufnehmen?
Fremder: Offenbar doch den über das lebendige gebietenden. Denn die königliche Kunst hat ja nicht etwa unbeseeltes anzuordnen wie die Baukunst: sondern edlerer Art besitzt sie an dem lebendigen und über dieses immer ihre Macht.
Der jüngere Sokrates: Richtig.
Fremder: Und die Entstehung und Ernährung des Lebendigen könnte man ansehn teils als vereinzelte, teils als eine gemeinschaftlich über das in Herden lebende Vieh sich erstreckende Sorgfalt.
Der jüngere Sokrates: Richtig.
Fremder: Aber den Staatsmann werden wir doch nicht mit wenigen einzelnen beschäftiget finden wie den Ochsenjungen oder Reitknecht, sondern mehr gleicht er einem der Pferdezucht und Rindviehzucht im Großen treibt.
Der jüngere Sokrates: Das leuchtet mir ein, nun es gesagt ist.
Fremder: Wollen wir also von Aufziehung des Lebendigen die gemeinsame Wartung vieler zugleich die Gemeinzucht oder Herdenzucht nennen?
Der jüngere Sokrates: Wie sich beides in der Rede am besten treffen mag.
Fremder: Sehr gut, Sokrates. Und wenn du dich davor hütest es nicht zu ernsthaft zu nehmen mit den Worten, wirst du wenn du älter wirst reicher sein an Einsicht. Jetzt also wollen wir es wie du rietest machen. Die Herdenzucht aber siehst du leicht wie die einer als zwiefach darstellen, und das jetzt im doppelten gesuchte uns dann nur in der Hälfte wird suchen lassen.
(262) Der jüngere Sokrates: Ich will es versuchen, und mich dünkt eine andere zu sein die Auferziehung der Menschen und eine andere die der Tiere.
Fremder: Recht wacker und frisch hast du das geteilt. Aber daß uns doch dies wo möglich nicht noch einmal begegne.
Der jüngere Sokrates: Was doch?
Fremder: Daß wir nicht ein kleines Teilchen allein von vielen und großen anderen aussondern, und nie ohne einen Begriff; sondern jeder Teil habe zugleich seinen eignen Begriff. Denn am schönsten ist das freilich aus allem übrigen gleich das gesuchte herauszusondern, wenn es sich richtig damit verhält; so wie du eben glaubend daß die Einteilung sich verhalte uns die Rede beschleuniget hast, weil du sähest, daß sie auf den Menschen losging. Aber Lieber, schnitzeln ist hier nicht sicher, sondern weit sicherer mitten durchschneiden. So trifft man auch mehr auf Begriffe, und darauf kommt doch Alles an bei Untersuchungen.
Der jüngere Sokrates: Wie meinst du das nur, Fremdling?
Fremder: Ich will versuchen es noch deutlicher zu erklären, Sokrates, aus Wohlgefallen an deiner Gemütsart. An dem jedoch was uns jetzt vorliegt ist unmöglich es ohne Mangel deutlich zu machen; laß uns aber versuchen die Sache noch um ein klein weniges weiter vorwärts zu bringen der Deutlichkeit wegen.
Der jüngere Sokrates: Was meinst du also hätten wir eben bei unserer Einteilung nicht recht gemacht?
Fremder: Dieses, wie wenn jemand das menschliche Geschlecht in zwei Teile teilen wollte, und täte es wie hier bei uns die Meisten zu unterscheiden pflegen, daß sie das Hellenische als Eines von allem übrigen absondern für sich, alle andern unzähligen Geschlechter insgesamt aber, die gar nichts unter einander gemein haben und gar nicht übereinstimmen, mit einer einzigen Benennung Barbaren heißen, und dann um dieser einen Benennung willen auch voraussetzen, daß sie Ein Geschlecht seien. Oder wenn einer glaubte die Zahl in zwei Arten zu teilen, wenn er aus dem Ganzen eine Myriade herausschnitte, die er als eine Art absonderte, und dann alles übrige ebenfalls mit einem Worte bezeichnen und wegen dieser Benennung hernach glauben wollte, dieses sei nun mit Ausnahme von jenem die andere Art davon. Besser aber und mehr nach Arten und in die Hälften hätte er sie geteilt, wenn er die Zahl in gerades und ungerades zerschnitten, und so auch das menschliche Geschlecht in männliches und weibliches. Lydier aber und Phrygier und so mehrere allen übrigen entgegenstellen und abschneiden könnte er dann, wenn er aufgeben müßte Teil und Art zugleich zu finden beim Zerschneiden.
(263) Der jüngere Sokrates: Ganz richtig. Aber eben dieses, Fremdling, wie kann einer das recht deutlich einsehen, daß Teil und Art nicht dasselbe sind, sondern jedes etwas anderes?
Fremder: O bester Mann, das ist keine schlechte Aufgabe. Wir aber sind schon jetzt weiter als billig von unserer vorgesetzten Rede abgeschweift, und du verlangst wir sollen noch weiter abschweifen. Daher laß uns jetzt nur, wie es sich gehört, zurückkehren; dieser Spur aber wollen wir ein andermal mit Muße nachgehn. Nur das nimm ja in Acht, daß du nicht etwa meinest hierüber etwas genau bestimmtes von mir gehört zu haben.
Der jüngere Sokrates: Worüber denn?
Fremder: Daß Art und Teil von einander verschieden sind.
Der jüngere Sokrates: Aber wie?
Fremder: Daß nämlich, wenn es eine Art von etwas gibt eben dieses notwendig auch ein Teil desselben Gegenstandes sein wird, wovon es eine Art genannt wird, daß aber, was ein Teil sei auch eine Art sein müsse, gar nicht notwendig ist. So sage immer lieber daß ich mich erklärt hätte als anders.
Der jüngere Sokrates: Das will ich tun.
Fremder: Sage mir nun aber auch das nächste.
Der jüngere Sokrates: Was doch?
Fremder: Wegen der Abschweifung, von wo sie uns hieher geführt hat. Ich glaube nämlich es war eigentlich als du befragt wie die Herdenzucht wohl zu teilen wäre so rasch antwortetest es gebe zwei Gattungen des lebendigen, eine die menschliche, und die aller übrigen Tiere insgesamt die andere.
Der jüngere Sokrates: Richtig.
Fremder: Und damals schienst du mir wenigstens, obschon du nur einen Teil herausgenommen, zu glauben, daß du alles übrige auch wieder als Eine Art zurückließest, weil du für Alle einerlei Namen hattest sie damit zu benennen, und sie Tiere hießest.
Der jüngere Sokrates: So war es auch.
Fremder: Allein so würde vielleicht, mein wackerster Sokrates, wenn es noch ein anderes verständiges Tier gäbe wie man die Kraniche dafür hält, oder irgend ein anderes solches auf gleiche Weise seine Benennungen bilden wie du, so daß es die Kraniche als Eine Gattung allem übrigen lebendigen entgegensetzte und sich selbst rühmend heraushöbe, alle übrigen aber mit Inbegriff des Menschen in Eins zusammenfaßte, und ebenfalls nicht besser als etwa Tiere nennete. Deshalb wollen wir uns bemühen dergleichen alles zu vermeiden.
Der jüngere Sokrates: Wie doch?
Fremder: Indem wir nicht gleich alles Lebendige insgesamt teilen, damit uns das weniger begegne.
Der jüngere Sokrates: Das darf es freilich nicht.
Fremder: Aber auch jenes Mal schon war auf dieselbe Art gefehlt worden.
Der jüngere Sokrates: Wie das?
Fremder: Unser gebietender Teil der Einsicht hatte es doch in der Gattung der Auferziehung des lebendigen mit dem in Herden lebenden zu tun. Nicht wahr?
Der jüngere Sokrates: Ja.
Fremder: Also war uns schon damals das gesamte lebendige (264) eingeteilt in zahmes und wildes. Denn die es in der Art haben sich aufziehn und bändigen zu lassen nennen wir zahme, die dieses nicht haben, wilde.
Der jüngere Sokrates: Schön.
Fremder: Die Erkenntnis nun der wir nachspüren, hatte es und hat es noch mit den zahmen zu tun, und muß unter dem geselligen Vieh gesucht werden.
Der jüngere Sokrates: Ja.
Fremder: Laß uns also nicht so teilen wie damals, daß wir auf das Ende sehen oder eilen, um nur geschwind zur Staatskunst zu kommen. Denn deshalb ist es uns auch jetzt nach dem Sprichwort ergangen.
Der jüngere Sokrates: Nach welchem?
Fremder: Daß weil wir uns nicht genug verweilt und gut eingeteilt haben, wir später fertig geworden sind.
Der jüngere Sokrates: Da ist es uns ganz recht ergangen, Fremdling.
Fremder: Gut denn, so laß uns noch einmal anfangen die Gemeinzucht einzuteilen; vielleicht wird auch das worauf du ausgehst die gehörig durchgeführte Rede selbst dir nur noch schöner herausbringen. Sage mir also.
Der jüngere Sokrates: Was denn?
Fremder: Dieses, ob du wohl schon von jemand gehört hast, denn selbst weiß ich daß du nicht dabei gewesen bist wie die Fische im Nil gefüttert werden und in den Teichen des großen Königes. In Quellen aber hast du es vielleicht selbst gesehen?
Der jüngere Sokrates: Allerdings habe ich dies gesehen und jenes von Vielen gehört.
Fremder: Und wie Gänse und Kraniche zusammen weiden hast du, wenn du auch nicht die Thessalischen Ebenen durchstreift hast, doch wohl erfahren und glaubest es.
Der jüngere Sokrates: Wie sollte ich nicht!
Fremder: Deshalb aber habe ich dich dies alles gefragt, weil es Herdenzucht gibt auf dem Wasser und auch auf dem Trockenen.
Der jüngere Sokrates: Das gibt es allerdings.
Fremder: Dünkt dich also nicht auch, daß wir so sollten die Wissenschaft der Gemeinzucht teilen, um jedem von diesen beiden seinen eignen Teil anzuweisen, den einen die Schwimmtierzucht nennend, den andern die Landgängerzucht?
Der jüngere Sokrates: Mich auch.
Fremder: Zu welchem nun von beiden die Herrscherkunst gehöre dürfen wir nicht erst fragen; denn das sieht ja Jeder.
Der jüngere Sokrates: Freilich.
Fremder: Diesen Zweig der Herdenzucht aber, die Landgängerzucht kann wohl jeder teilen.
Der jüngere Sokrates: Wie?
Fremder: Wenn er geflügeltes und zu Fuß gehendes von einander trennt.
Der jüngere Sokrates: Vollkommen richtig.
Fremder: Und wie? ob es die Staatskunst mit dem zu Fuß gehenden zu tun hat, fragen wir danach erst? Oder meinst du nicht, daß auch der unverständigste dies bejahen würde?
Der jüngere Sokrates: Gewiß.
Fremder: Die Zucht des auf dem Lande gehenden nun muß wieder, wie die gerade Zahl wenn sie zerschnitten wird, in zwei Teilen erscheinen.
Der jüngere Sokrates: Offenbar.
Fremder: Nach der Seite nun wohin unsere Rede sich wendet glaube ich zwei gebahnte Wege zu sehen, einen schnelleren, wenn man einem großen Teil einen kleineren gegenüberstellt; (265) einen anderen der davon, was wir vorher sagten, daß man mitten durchschneiden müsse, mehr an sich hat, aber länger ist er freilich. Es steht also bei uns, welchen von beiden wir wollen, zu gehn.
Der jüngere Sokrates: Können wir denn nicht beide?
Fremder: Zugleich wenigstens nicht, du Wunderlicher, aber nach einander können wir es freilich.
Der jüngere Sokrates: Ich wähle also nach einander beide.
Fremder: Das geht auch gern; denn nur weniges ist uns noch übrig. Im Anfang freilich und als wir noch auf der Hälfte des Weges waren wäre die Aufgabe schwierig gewesen. Nun aber, da es dir so gefällt, wollen wir den längeren zuerst gehn. Denn so lange wir noch frischer sind, werden wir leichter darauf fortkommen. Die Einteilung nun siehe.
Der jüngere Sokrates: Sprich.
Fremder: Das Fußvolk unter den zahmen, was in Herden lebt, ist schon von Natur in zwei Teile geteilt.
Der jüngere Sokrates: Wonach?
Fremder: Daß einige ihrer Art nach ungehörnt sind, Andere hörnertragend.
Der jüngere Sokrates: Das ist deutlich.
Fremder: Teile also die Zucht des Fußvolkes so daß du jedem einen Teil gibst, und bediene dich dabei, wie wir auch schon früher getan, gleich der Erklärung; denn wenn du sie benennen willst wird es dir verwickelter geraten als gut ist.
Der jüngere Sokrates: Wie soll man also erklären?
Fremder: So, daß nachdem der gehenden Tiere Pflegekunst in zwei Teile geteilt worden, der einen Abteilung der gehörnte Teil des Herdenviehes angewiesen worden ist, der anderen der ungehörnte.
Der jüngere Sokrates: Dies sei nun so erklärt, denn es ist gewiß hinreichend deutlich gemacht.
Fremder: Dem Könige aber sehen wir doch gewiß an, daß er eine abgestutzte Herde ohne Hörner weidet.
Der jüngere Sokrates: Wie sollten wir das nicht sehen!
Fremder: Auch diese wollen wir also durchzureißen versuchen, um ihm das seinige zu geben.
Der jüngere Sokrates: Freilich.
Fremder: Sollen wir sie nun nach dem gespaltenen und ungespaltenen Hufe teilen, oder nach der reinen und vermischten Begattung? Du verstehst doch wohl?
Der jüngere Sokrates: Wie denn?
Fremder: Die Pferde und Esel haben es doch in der Art sich mit einander zu begatten?
Der jüngere Sokrates: Ja.
Fremder: Was aber dann noch übrig ist von der einen Herde der zahmen vermischt sich nicht mit einander.
Der jüngere Sokrates: Richtig.
Fremder: Scheint dir nun die Sorgfalt des Staatsmannes auf Naturen von solcher vermischter Begattung zu gehen oder von reiner?
Der jüngere Sokrates: Von unvermischter offenbar.
Fremder: Diese müssen wir nun wie das vorige ebenfalls in zwei Hälften zerlegen.
Der jüngere Sokrates: Das müssen wir.
(266) Fremder: Nun aber ist uns schon das lebendige, sofern es zahm und gesellig ist, bis auf zwei Gattungen etwa ganz zerteilt; denn die Hunde lohnt es kaum als eine eigne Gattung unter den geselligen Tieren aufzuführen.
Der jüngere Sokrates: Freilich nicht. Wonach aber wollen wir die beiden scheiden?
Fremder: Wonach Ihr beide, Theaitetos und du, billig teilen müßt, da ihr euch mit der Meßkunst befaßt habt.
Der jüngere Sokrates: Wonach also?
Fremder: Nach der Diagonale und wiederum nach der Diagonale der Diagonale.
Der jüngere Sokrates: Wie meinst du das?
Fremder: Die Natur welche unserer Gattung eignet, ist die wohl für den Gang anders eingerichtet, als die Diagonale welche das zweifüßige Viereck bildet?
Der jüngere Sokrates: Nicht anders.
Fremder: Die Natur der übrig bleibenden Gattung aber vermag wiederum dasselbe wie die Diagonale unseres Viereckes, wenn sie doch auf zweimal zwei Füße eingerichtet ist.
Der jüngere Sokrates: Das ist sie freilich, und nun verstehe ich auch was du sagen willst.
Fremder: Überdies aber sehen wir nicht, daß uns etwas anderes, recht als käme es von solchen die im Lächerlichen Meister sind, begegnet ist mit dem eingeteilten?
Der jüngere Sokrates: Was doch?
Fremder: Daß mit unserer menschlichen Gattung gleichen Teil erhalten hat und also zwischen her läuft mit der edelsten unter allen zugleich die allerschlechteste?
Der jüngere Sokrates: Ich sehe wohl wie das gar närrisch herauskommt.
Fremder: Ist es denn aber nicht natürlich daß das langsamste zuletzt kommt?
Der jüngere Sokrates: Das freilich wohl.
Fremder: Und das bemerken wir nicht, daß noch viel lächerlicher unser König erscheint, indem er samt seiner Herde umherläuft und gleichen Schritt hält mit dem auf ein schlechtes Leben am meisten eingeübten?
Der jüngere Sokrates: Allerdings freilich.
Fremder: Aber nun eben, Sokrates, wird uns das noch besser deutlich was damals bei der Untersuchung über den Sophisten gesagt ward.
Der jüngere Sokrates: Was doch?
Fremder: Daß nämlich diesem Verfahren in der Rede weder an dem vortrefflicheren mehr liegt als an dem andern, noch sie das kleinere hintansetzt wegen des größeren, sondern immer ganz für sich die Sache zu Ende bringt wie es am richtigsten ist.
Der jüngere Sokrates: So scheint es.
Fremder: Nach diesem nun, damit du mir nicht zuvorkommst durch die Frage welches doch damals der kürzere Weg gewesen zur Erklärung des Königes, will ich selbst gleich vorangehn.
Der jüngere Sokrates: Sehr wohl.
Fremder: Ich meine nämlich, wir sollten gleich die Landgänger eingeteilt haben in zweifüßige und vierfüßige; und da wir dann die menschliche Gattung nur allein noch mit dem Federvieh zusammen die zweibeinige Herde bildend gefunden hätten, diese dann zerschneiden in einen nackten und einen gefiedererzeugenden Teil. Wäre sie nun so geteilt und dadurch die menschenhütende Kunst deutlich gezeigt worden, dann hätten wir unsern Staatsmann und König gebracht und wie den Wagenführer in den Staat hineingestellt, die Zügel desselben ihm übergebend, da hierin doch seine eigentümliche Kunst besteht.
(267) Der jüngere Sokrates: Sehr schön hast du mir wie die Hauptschuld die Erklärung ausgezahlt, und mir noch diesen Nebenweg wie die Zinsen beigelegt, wodurch sie nun ganz vollendet ist.
Fremder: Wohlan denn, fassen wir nun vom Anfang bis zum Ende alles noch einmal durchgehend die Namenerklärung der Kunst des Staatsmannes zusammen.
Der jüngere Sokrates: Wohl.
Fremder: Von der einsehenden Erkenntnis hatten wir also zuerst einen gebietenden Teil; von diesem nannten wir ferner durch Vergleichung darauf gebracht einen Teil den selbstgebietenden. Von dieser selbstgebietenden ward nun gar nicht als die kleinste Gattung die welche das lebendige aufzieht von uns abgeschnitten. Von dieser eine Art die Herdenzucht, von der Herdenzucht wiederum die Hütung der zu Fuß gehenden, und von dieser schnitten wir uns wieder besonders ab die Auferziehung der ungehörnten Gattung. Den nächsten Teil von dieser müßte nun einer wenigstens dreifach zusammenflechten, wenn er ihn in einen Namen befassen wollte, und müßte sie die Kunst der Hütung des unvermischt begatteten nennen. Von dieser ist nun der Abschnitt für die zweifüßige Herde der letzte übrig bleibende menschenhütende Teil, und selbst eben dieses gesuchte, was sowohl königliche als Staatskunst heißt.
Der jüngere Sokrates: Vollkommen richtig.
Fremder: Aber Sokrates, ist uns dies so wie du eben sagtest auch wirklich verrichtet?
Der jüngere Sokrates: Wie doch?
Fremder: Daß unser Gegenstand vollkommen richtig und befriedigend ist ausgeführt worden? oder fehlt nicht eben darin unsere Untersuchung daß die Erklärung zwar irgendwie gegeben, aber keinesweges vollkommen gründlich ist ausgeführt worden?
Der jüngere Sokrates: Wie meinst du das?
Fremder: Ich will versuchen uns beiden was ich denke jetzt noch deutlicher zu machen.
Der jüngere Sokrates: Das tue nur.
Fremder: Nicht wahr, unter vielen hütenden Künsten die sich uns eben gezeigt hatten war Eine die Staatskunst, die Sorgfalt für Eine gewisse Herde?
Der jüngere Sokrates: Ja.
Fremder: Und unsere Erklärung bestimmte, sie wäre nicht die Zucht der Pferde noch anderer Tiere, sondern die Wissenschaft der Gemeindezucht der Menschen?
Der jüngere Sokrates: So war es.
Fremder: Laß uns nun den Unterschied zwischen allen übrigen Hütern und den Königen betrachten.
Der jüngere Sokrates: Was für einen?
Fremder: Ob nicht mancher Andere von einer anderen Kunst benannte mit jenem zugleich an der Aufziehung der Herde Anteil zu haben behauptet und sich anmaßt.
Der jüngere Sokrates: Wie meinst du das?
Fremder: Wie die Kaufleute, Ackerbauer, alle Speisebereiter, und nach diesen die Vorsteher der Leibesübungen und das ganze Geschlecht der Ärzte, diese weißt du wohl würden sämtlich mit jenen Hütern der menschlichen Dinge welche wir Staatsmänner genannt haben über diese Erklärung sich streiten, weil sie auch für die Erhaltung der Menschen sorgen, (268) und zwar nicht nur der zur Herde gehörigen Menschen, sondern auch der Herrscher selbst.
Der jüngere Sokrates: Und täten sie daran nicht Recht?
Fremder: Vielleicht, und das wollen wir eben sehen. Das aber wissen wir doch, daß mit dem Ochsenhirten sich über dergleichen Niemand in einen Streit einläßt; sondern er selbst der Hirte ist auch der Ernährer der Herde, er ist ihr Arzt, er ist gewissermaßen ihr Freiwerber, und der gesamten Hebammenkunst bei der Schwangerschaft und der Geburt der Jungen ist er allein kundig. Ja auch was Spiel und Tonkunst betrifft, soweit sein Vieh deren von Natur empfänglich ist, versteht niemand besser als er es aufzumuntern und anlockend zu besänftigen, indem er auf Instrumenten sowohl als mit dem bloßen Munde die seiner Herde angemessene Tonkunst ausübt. Und mit den übrigen Hütern ist es dasselbe. Nicht wahr?
Der jüngere Sokrates: Ganz richtig.
Fremder: Wie kann also unsere Erklärung des Königes sich richtig und untadelhaft erweisen, wenn wir ihn den Hüter und Auferzieher der menschlichen Herde nennen, ihn allein heraushebend aus zehntausend anderen die sich mit ihm darum streiten?
Der jüngere Sokrates: Auf keine Weise.
Fremder: Also war unsere Besorgnis vorher gegründet, als wir argwöhnten, wir möchten zwar wohl einige Züge des Herrschers angeben, keinesweges aber könnten wir den Staatsmann genau dargestellt haben, bis wir alle welche sich um ihn herdrängen und auf das Mithüten Anspruch machen weggeräumt, und ihn abgesondert von jenen ganz rein für sich allein hinstellen.
Der jüngere Sokrates: Vollkommen gegründet freilich.
Fremder: Dies also, o Sokrates, müssen wir bewerkstelligen, wenn wir nicht unsere Erklärung zuletzt wollen zu Schanden machen.
Der jüngere Sokrates: Das darf ja auf keine Weise geschehen.
Fremder: Also müssen wir wiederum von einem andern Anfang aus einen andern Weg gehen?
Der jüngere Sokrates: Was doch für einen?
Fremder: Wo wir auch wohl Scherz einmischen. Denn wir müssen einen ziemlichen Teil einer großen Geschichte zu Hülfe nehmen, und hernach eben wie vorher, indem wir einen Teil nach dem andern wegnehmen, zu dem eigentlich gesuchten selbst gelangen. Sollen wir das?
Der jüngere Sokrates: Allerdings.
Fremder: Aber auf die Geschichte sei mir ja recht aufmerksam wie die Kinder. Du bist ja doch erst seit wenigen Jahren über die Kindheit hinaus.
Der jüngere Sokrates: Sage nur.
Fremder: Solche alten Erzählungen also gab es und wird auch noch geben gar viele andere, und so auch die Erscheinung bei dem Streit welcher vorgefallen sein soll zwischen Atreus und Thyestes. Denn du hast doch gehört und erinnerst dich, was sich damals soll ereignet haben?
Der jüngere Sokrates: Das Zeichen von dem goldenen Lamme meinst du vielleicht.
Fremder: Nein das nicht, sondern das von der Änderung (269) im Auf- und Untergang der Sonne und der andern Gestirne, daß sie nämlich von wo sie jetzt aufgehen, dorthin damals untergingen, und aufgingen auf der entgegengesetzten Seite. Damals aber gab Gott dem Atreus ein Zeugnis, und wendete sie um in die gegenwärtige Ordnung.
Der jüngere Sokrates: Erzählt wird freilich auch das.
Fremder: Und auch von der Herrschaft welche Kronos führte haben wir von Vielen gehört.
Der jüngere Sokrates: Von gar Vielen.
Fremder: Und wie, daß vorher die Menschen als Erdgeborne entstanden und nicht erzeugt wurden einer von dem andern?
Der jüngere Sokrates: Auch das ist eine von den alten Sagen.
Fremder: Dies nun rührt insgesamt von demselben Umstände her, und außerdem tausenderlei anderes noch wunderbareres, wovon aber die Länge der Zeit sich einiges ganz verlöscht hat und das übrige zerstreut erzählt wird, jedes einzelne abgerissen von dem übrigen. Den Umstand aber, der an alle diesem Ursach ist, hat noch niemand erzählt. Jetzt aber muß er berichtet werden, denn zur Darstellung des Königes wird er sich uns wohl schicken, wenn er erzählt ist.
Der jüngere Sokrates: Wohl gesprochen! erzähle also ohne etwas zu übergehen.
Fremder: Höre denn. Dieses Ganze hilft auf seiner Bahn bisweilen Gott selbst mitführen und wälzen, bisweilen läßt er es wieder los, wenn seine Umläufe das ihm gebührende Zeitmaß schon erlangt haben. Dann aber wendet es sich von selbst wieder um nach der entgegengesetzten Seite, als ein lebendiges dem auch Vernunft zugeteilt ist von dem welcher es ursprünglich zusammenfügte. Dieses Rückwärtsgehen aber ist ihm notwendig aus folgender Ursache natürlich.
Der jüngere Sokrates: Aus welcher denn?
Fremder: Sich immer einerlei und auf gleiche Weise zu verhalten und dasselbe zu sein, das kommt nur dem göttlichsten unter allem allein zu, körperliche Natur aber steht nicht in dieser Reihe. Was wir nun Himmel und Welt genannt haben, hat freilich vieles und herrliches von seinem Erzeuger empfangen; indes ist es auch Körpers teilhaftig geworden, daher ihm denn aller Veränderung schlechthin unerfahren zu sein unmöglich ist. Nach Vermögen jedoch wird es immer eben da auf gleiche Weise nach Einer Richtung bewegt. Daher ist es der Umwälzung teilhaftig als der kleinstmöglichen Abweichung von der Selbstbewegung. Sich selbst aber immer zu drehen ist keinem wohl leicht möglich als dem alles Bewegte Anführenden. Diesem ist aber nicht statthaft jetzt so, dann wieder entgegengesetzt zu bewegen. Nach diesem allen also darf man von der Welt weder behaupten, daß sie immer sich selbst drehe, noch daß sie immer ganz von Gott gedreht werde, sintemal es nach zweierlei und entgegengesetzten Richtungen geschieht, noch auch, daß etwa irgend zwei (270) Götter von einander entgegengesetzter Gesinnung sie drehen; sondern was eben gesagt ist und allein übrig bleibt, daß sie jetzt von einer andern göttlichen Ursache mitgeführt wird, das Leben aufs neue erwerbend und eine von dem Werkmeister ihr zubereitete Unsterblichkeit empfangend; dann aber, wenn sie losgelassen ist, von sich selbst geht, so gut sie kann, in einem solchen Zustande sich selbst überlassen, daß sie wiederum viele Myriaden von Umläufen rückwärts durchwandern kann, weil sie bei vollständigster Größe und Gleichgewicht auf dem kleinsten Fuße einherschreitend geht.
Der jüngere Sokrates: Sehr einleuchtend ist alles gesagt was du bis jetzt ausgeführt hast.
Fremder: So laß uns zusammenrechnend den Umstand betrachten der sich aus dem Gesagten ergibt, und von uns als die Ursache alles wunderbaren angegeben wurde. Dies ist nämlich folgender.
Der jüngere Sokrates: Was für einer?
Fremder: Daß nämlich die Bewegung des Ganzen bisweilen nach der Seite wohin es sich jetzt wälzt sich bewegt, bisweilen nach der entgegengesetzten.
Der jüngere Sokrates: Wie doch eigentlich?
Fremder: Diese Veränderung muß man von allen Umwendungen, welche sich am Himmel ereignen, für die größte und vollständigste halten.
Der jüngere Sokrates: Das scheint allerdings.
Fremder: Daher ist auch zu glauben daß alsdann die größten Veränderungen entstehen für uns, die wir innerhalb desselben wohnen.
Der jüngere Sokrates: Auch das ist wahrscheinlich.
Fremder: Viele wichtige und mannigfaltige Veränderungen aber welche zusammentreffen, wissen wir nicht daß die Natur der Lebenden diese nicht leicht erträgt?
Der jüngere Sokrates: Wie sollten wir das nicht?
Fremder: Die größten Verheerungen also entstehen alsdann notwendig sowohl unter den anderen Tieren, als auch von dem menschlichen Geschlecht bleibt nur weniges übrig. Und für diese Überreste treffen dann viele andere wunderbare und neue Ereignisse zusammen; dieses aber ist das größte und begleitet die Umwälzung des Ganzen notwendig alsdann, wenn die der bisher bestandenen entgegengesetzte Richtung eintritt.
Der jüngere Sokrates: Was für eines denn?
Fremder: Welches Alter jedes lebende Wesen hatte dies blieb ihm zuerst stehn, und alles sterbliche hörte auf je länger je älter auszusehn, vielmehr wendete es sich auf das entgegengesetzte zurück und wurde gleichsam jünger und zarter. Und die weißen Haare der Alten schwärzten sich, die Wangen der bärtigen aber glätteten sich wieder, und brachten jeden zu seiner schon vorübergegangenen Blüte zurück; eben so die Leiber der mannbaren Jugend glätteten sich und wurden jeden Tag und jede Nacht kleiner, bis sie wieder die Natur der kleinen Kinder annahmen, und ihnen an Leib und Seele ähnlich wurden. Nach diesem aber welkten sie dann zusehends und verschwanden gänzlich. Ja auch die Leichname der zur selbigen Zeit gewaltsam verstorbenen trafen die nämlichen Zufälle der Reihe nach insgesamt, so daß sie sich in der Schnelligkeit in wenigen Tagen verzehrten.
Der jüngere Sokrates: Was für eine Entstehung des Lebendigen (271) gab es aber damals, o Fremdling, und auf welche Weise erzeugte es sich aus sich?
Fremder: Offenbar, o Sokrates, gab es auf diese Weise erzeugtes in der damaligen Natur gar nicht; sondern das Geschlecht, wovon erzählt wird, es sei ehedem ein erdgebornes gewesen, das waren eben die damals aus der Erde zurückkehrenden, und wurde so erwähnt von unsern ersten Vorfahren, welche noch der auf Endigung des ersteren Umlaufes folgenden Zeit Grenze erreichten und am Anfange des jetzigen geboren wurden. Denn diese sind uns eben die Verkündiger geworden aller jener Geschichten, welche jetzt mit Unrecht von Vielen ungläubig verworfen werden. Das können wir glaube ich hieraus sehn. Denn damit daß die Alten wieder zur Natur der Kinder zurückkehren hängt ja zusammen, daß auch von den Verstorbenen und in der Erde Liegenden alle diejenigen wieder aufstehend von dort und auflebend jener allgemeinen Umwendung folgten als die gesamte Entstehung sich auf die entgegengesetzte Seite herumwälzte und daß sie als Erdgeborne nach eben diesem Verhältnis notwendig hervorkommend hievon ihren Namen und ihre Erklärung erhielten, so viele nämlich von ihnen Gott nicht schon zu einem andern Geschick erhöht hatte.
Der jüngere Sokrates: Offenbar folgt ja dies aus dem vorigen. .Allein das Leben welches währender Gewalt des Kronos wie du sagst gewesen ist, war dies zur Zeit jener Bewegungen oder der jetzigen? Denn die Veränderung an der Sonne und den Gestirnen muß offenbar mit beiden Bewegungen zusammentreffen .
Fremder: Sehr gut bist du der Rede gefolgt. Das aber wonach du fragst, daß nämlich den Menschen alles von selbst geworden, gehört wohl keinesweges zu der jetzt bestehenden Bewegung, sondern auch dieses war offenbar in der vorigen. Denn damals herrschte zuerst für die ganze Umwälzung Sorge tragend der Gott, wie jetzt aber waren strichweise die verschiedenen Teile der Welt gänzlich unter herrschende Götter verteilt. So auch die lebendigen Wesen nach ihren verschiedenen Gattungen und Herden hatten als göttliche Hüter unter sich verteilt die Dämonen, deren Jeder jedem welches er beherrschte für alles genügte, so daß keines wild war noch auch sie einander zur Speise dienten; und Krieg oder Zwiespalt schon gab es ganz und gar nicht unter ihnen, wie man auch unzählig viel anderes mit dieser Anordnung zusammenhängendes noch anführen könnte. Was aber von der Menschen mühelosem Leben gerühmt wird, wird dieserwegen erzählt. Gott selbst hütete sie und stand ihnen vor, wie jetzt die Menschen als ein anderes göttlicheres Lebendige andere Gattungen des Lebenden geringer als sie selbst hüten. Unter seiner Hut aber gab es keine bürgerliche Verfassungen noch (272) auch häusliche, daß man Weiber und Kinder hatte; denn aus der Erde lebten sie alle auf, ohne sich des vorherigen zu erinnern. Sondern dergleichen fehlte ihnen alles, Früchte aber hatten sie reichlich von Eichen und vielen anderen Gewächsen, nicht durch Ackerbau gezogene, sondern welche die Erde ihnen von selbst gab. Auch unbekleidet und ohne Lagerdecken weideten sie größtenteils im Freien; denn die Witterung war beschwerdenlos für sie eingerichtet, und weich war ihr Lager genug, weil reichliches Gras aus der Erde hervorwuchs. Wie also das Leben unter dem Kronos gewesen, o Sokrates, hörst du; das jetzige aber wie es heißt, unter dem Zeus, kennst du selbst. Könntest du nun wohl und wolltest entscheiden, welches von beiden das glückseligere ist?
Der jüngere Sokrates: Keinesweges.
Fremder: Willst du also, daß ich sie dir auf gewisse Weise vergleiche?
Der jüngere Sokrates: Gar sehr will ich das.
Fremder: Wenn also die Pfleglinge des Kronos, da sie so vieler Muße genossen und auch des Vermögens nicht nur mit Menschen sondern auch mit Tieren vernünftigen Umgang zu pflegen, dies alles recht gebrauchten zur Philosophie in ihren Unterredungen mit den Tieren und unter sich von jedem Wesen erforschend, ob es irgend ein besonderes Vermögen besitzend, etwas von den Andern verschiedenes wahrgenommen habe zur Vermehrung der Einsicht: dann ist wohl leicht zu entscheiden, daß die damaligen tausendmal glückseliger daran waren als die jetzigen. Wenn sie aber reichlich mit Speise und Trank gesättiget sich untereinander und den Tieren solche Geschichten erzählten, wie auch jetzt noch von ihnen erzählt werden: so ist auch so die Sache wenigstens nach meiner Meinung gar leicht zu entscheiden. Doch lassen wir das jetzt bis einer kommt der uns gründlich berichte, auf welche von beiden Seiten sich die Lust jenes Geschlechtes neigte in Beziehung auf Erkenntnis und Gebrauch der Rede. Weshalb wir aber diese Geschichte in Anregung gebracht, das muß jetzt erklärt werden; damit wir nächstdem nun zum folgenden fortschreiten können. Als nämlich alles dieses seine Zeit erfüllt hatte und eine Umkehrung erfolgen mußte, da auch das aus der Erde gekommene Geschlecht ganz aufgerieben war, nachdem jegliche Seele alle ihre Entstehungen durchgemacht und, soviel ihr bestimmt war, Samen für die Erde zurückgelassen hatte; alsdann ließ der Steuermann des Ganzen gleichsam den Griff des Ruders fahren und zog sich in seine Warte zurück. Die Welt aber bewegte nun wiederum rückwärts das Geschick und die ihr angeborene Lust. Alle also an ihren Orten mit dem höchsten Geist mitherrschende Götter als sie bemerkten was geschah, ließen gleichfalls alle Teile der Welt los von ihrer Aufsicht und Besorgung. Sie aber die nun im Zurückdrehn, des Endes und des Anfangs entgegengesetzten Schwung vermischend, (273) einen neuen Umschwung nahm, indem sie in sich selbst große Erschütterungen erregte, richtete dadurch wieder anderes Verderben an unter allerlei Arten des Lebendigen. Als nun, nachdem eine geraume Zeit vergangen war, teils Getümmel und Verwirrung nachließen, und von den Erschütterungen eine Stille eintrat, teils sie nun zu ihrem gewohnten eignen Lauf wohl geordnet eine bereitet war, ging sie Aufsicht und Macht selbst ausübend über alles in ihr und über sich selbst, ihres Werkmeisters und Vaters Lehren dabei sich nach Kräften erinnernd. Anfänglich nun führte sie dies genauer aus, zuletzt aber lässiger. Und hieran ist das körperliche in ihrer Mischung Schuld, dieses noch von der ehemaligen Natur her mit ihr Aufgezogene, weil es mit großer Unordnung behaftet war, ehe es zu der jetzigen Weltordnung gelangte. Denn von dem welcher sie eingerichtet besitzt sie alles Schöne; alles aber was widerwärtiges und unrechtes unter dem Himmel geschieht, stammt ihr selbst von ihrer vorigen Beschaffenheit her, und auch in die Lebendigen bringt sie es mit hinein. So lange sie daher unter Aufsicht des Steuermannes ihre lebendigen Bewohner ernährt, erzeugt sie in ihnen nur wenig schlechtes und viel dagegen Gutes. Ist sie aber von jenem getrennt, so besorgt sie in der nächsten Zeit nach ihrer Freilassung noch alles aufs herrlichste; je weiter aber die Zeit vorrückt und Vergeßlichkeit sich einschleicht bei ihr, um so mehr nimmt auch überhand der Zustand der alten Verwirrung, welcher am Ende der Zeit vollkommen aufblüht, so daß sie nur aus wenig Gutem und einem großen Anteil des Entgegengesetzten jede Mischung zusammensetzend in Gefahr des Verderbens gerät, sie selbst und alles in ihr. Weshalb denn alsdann schon der Gott welcher sie eingerichtet hat, wenn er sie in diesen Nöten erblickt, aus Besorgnis, daß sie nicht zertrümmere und durch die Zerrüttung gänzlich aufgelöst in der Unähnlichkeit unergründlichen Ort versinke, sich selbst wiederum an das Ruder stellend, alles was erkrankt und aufgelöst ist, durch Umwendung in den ihm eigentümlichen Umlauf wieder in Ordnung bringt, und so alles wieder bessernd die Welt unsterblich und unveraltet darstellt. Dieses nun ist nur als das Ende von allem bisherigen gesagt; was uns aber zur Darstellung des Königes dient finden wir hinreichend, wenn wir uns nur an das vorige der Rede halten. Nämlich sobald die Welt sich wiederum in die Bahn für das jetzige Werden hineindrehte, stand zuerst wiederum das Alter still, und neues dem damaligen entgegengesetztes brachte sie demnächst hervor. Nämlich die vor Kleinheit fast schon verschwindenden Leiber der lebendigen Wesen wuchsen wieder und die neu aus der Erde schon als alt und grau hervorgegangenen kehrten sterbend wieder in die Erde zurück, und alles Andere veränderte sich den Zustand des Ganzen nachahmend (274) und ihm folgend. Eben so also auch, was zur Empfängnis, Geburt und Ernährung gehört, erfolgte dem Ganzen nachgebildet notwendig. Denn nun durfte nicht mehr in der Erde aus andern Bestandteilen ein lebendiges gebildet werden; sondern so wie der Welt aufgegeben war selbstherrschend ihre Bahn zu leiten, auf dieselbe Weise war auch ihren Teilen, aus sich selbst soviel als möglich wäre sich zu bilden, zu erzeugen und zu ernähren, durch dieselbige Anordnung aufgegeben. Und nun sind wir eben bei dem angekommen, worauf diese ganze Rede ausging. Von den übrigen Tieren nämlich wäre es lang und weitläuftig zu erzählen, woher sich jedes und weshalb verwandelt, von den Menschen aber ist es kürzer zu fassen und mehr zur Sache gehörig. Denn von der Sorgfalt des uns beherrschenden und hütenden Dämons verlassen erfuhren die Menschen, da die meisten Tiere von irgend rauherer Natur ganz verwildert, sie selbst aber schwach und schutzlos geworden waren, von diesen vielerlei Leides, und wären in den ersten Zeiten völlig hülflos und kunstlos, weil die von selbst sich darbietende Nahrung ihnen ausgegangen, und sich deren selbst zu verschaffen sie noch nicht kundig waren, indem keine Art des Mangels sie vorher dazu genötiget hatte. Alles dieses nun brachte sie in große Not. Weshalb denn die in alten Sagen schon gerühmten Gaben uns von den Göttern mit der nötigen Belehrung und Unterweisung geschenkt wurden, das Feuer nämlich vom Prometheus und die Künste vom Hephaistos und seiner Kunstverwandtin, Saat und Gewächse wiederum von anderen; und alles was zur Ausstattung des menschlichen Lebens beigetragen, ist uns hieraus geworden, weil nämlich, wie gesagt ist, die Obhut der Götter den Menschen fehlte, und sie nun sich selbst führen und selbst für sich Sorge tragen mußten eben wie die ganze Welt, welcher wir zu allen Zeiten nachahmen und folgen, und eben daher jetzt so und dann wieder auf andere Weise leben und entstehen. Und hiemit soll die Geschichte ein Ende haben. Zu Nutz aber wollen wir sie uns machen um zu sehen wie sehr wir gefehlt haben bei Darstellung des Herrschers und Staatsmannes in unserer vorigen Rede.
Der jüngere Sokrates: Wie so? und was für ein großer Fehler meinst du daß uns begegnet wäre?
Fremder: Auf der einen Seite ein kleinerer, auf der andern ein gar starker und weit mehr und größer als damals.
Der jüngere Sokrates: Wie so?
Fremder: Daß wir nämlich, gefragt nach dem Herrscher und König aus dem gegenwärtigen Umlauf und Art des Werdens, vielmehr aus dem entgegengesetzten Zeitlauf den Hirten der damaligen menschlichen Herde beschrieben haben, und also einen Gott statt eines Sterblichen, daran haben wir gar sehr (275) gefehlt. Daß wir ihn aber als den Herrscher des gesamten Staates angegeben haben ohne zu bestimmen auf welche Weise, daran haben wir zwar an sich selbst ganz wahr geredet; aber wir haben es weder ganz noch deutlich genug ausgedrückt, und deshalb hiebei auch weniger als an jenem gefehlt.
Der jüngere Sokrates: Richtig.
Fremder: Wir dürfen also, wenn wir nun noch die Art und Weise des Herrschens im Staate bestimmt haben, alsdann wie es scheint hoffen, daß der Staatsmann uns vollständig erklärt sei.
Der jüngere Sokrates: Sehr schön.
Fremder: Deshalb nun haben wir auch die Erzählung beigebracht, damit sie zeigen sollte nicht nur von der Herdenzucht überhaupt, wie sich alle darum streiten mit dem jetzt gesuchten, sondern auch damit wir eben jenen selbst deutlicher erblickten, welchem, weil er allein nach Art und Weise der Hirten und Hüter für die menschliche Erhaltung Sorge trägt, auch allein dieser Name gebühren kann.
Der jüngere Sokrates: Richtig.
Fremder: Und ich meines Teils wenigstens denke, Sokrates, daß diese Abzeichnung eines göttlichen Hüters auch den Vergleich mit einem Könige noch weit hinter sich läßt, dahingegen unsere jetzigen Staatsmänner hier weit mehr den Beherrschten ihrer Natur nach ähnlich sind, und auch an ihrer Bildung und Nahrung bei weitem mehr Teil nehmen.
Der jüngere Sokrates: Freilich wohl.
Fremder: Suchen müssen wir sie aber doch um nichts mehr oder minder, sie mögen nun so oder anders geartet sein.
Der jüngere Sokrates: Was sollten wir nicht!
Fremder: So laß uns denn so wieder zurückgehn. Die wir die selbstgebietende Kunst über Lebendige genannt haben, und zwar nicht über einzelne, sondern die eine gemeinsame Sorgfalt ausübt über Viele, und die wir doch dort auch gleich die Herdenzucht nannten – Du erinnerst dich doch?
Der jüngere Sokrates: Ja.
Fremder: Diese nun haben wir schon um etwas verfehlt. Denn wir haben den Staatsmann gar nicht mit befaßt und benannt, sondern unvermerkt ist er uns durch die Benennung entwischt.
Der jüngere Sokrates: Wie das?
Fremder: Daß jeder seine Herde aufzieht und ernährt, dies kommt wohl allen andern Hütern zu, dem Staatsmann gerade kommt es aber nicht zu, und doch haben wir eben davon den Namen hergenommen, da wir ihn sollten von etwas allen insgesamt gemeinschaftlichem hergenommen haben.
Der jüngere Sokrates: Ganz wahr sprichst du, wenn es so etwas gab.
Fremder: Wie sollte nicht doch das Pflegen etwas Allen gemeinschaftliches gewesen sein, wobei weder Futterung noch irgend ein anderes einzelnes Geschäft ausgeschlossen ist, und wir also, wenn wir sie Herdenwartung oder Pflege oder Besorgung nannten, alsdann den Staatsmann mit unter den übrigen verstecken konnten, da doch die Rede darauf deutete, daß dies geschehen müsse?
Der jüngere Sokrates: Richtig; aber die weitere Einteilung wie wäre die gegangen?
Fremder: Eben so wie wir vorher die Herdenzucht weiter (276) teilten für zu Fuß gehendes und unbefiedertes und für reinbegattendes und ungehörntes, eben so würden wir auch die Herdenwartung geteilt und unter dieser Erklärung dann die jetzige und die unter der Regierung des Kronos gleichermaßen mit begriffen haben.
Der jüngere Sokrates: Das ist deutlich. Ich sinne aber wie nun weiter?
Fremder: Haben wir nun den Namen der Herdenwartung so bestimmt: so wird offenbar keiner kommen und uns bestreiten, daß sie etwa gar keine Besorgung wäre; so wie damals mit Recht bestritten wurde, daß es keine Kunst unter uns gebe, die diesen Beinamen der aufziehenden und ernährenden verdiente, und wenn es eine gäbe, viele Andere weit eher und mehr dazu gehören würden als irgend ein Herrscher.
Der jüngere Sokrates: Richtig.
Fremder: Und Besorgung der gesamten menschlichen Gemeinschaft wird doch wohl keine andere Kunst mehr und milder zu sein behaupten wollen als die königliche und über alle Menschen sich erstreckende Herrschaft.
Der jüngere Sokrates: Richtig gesagt.
Fremder: Nächstdem aber, o Sokrates, merken wir nicht etwa, daß auch gegen das Ende wiederum verschiedentlich gefehlt ist?
Der jüngere Sokrates: Worin doch?
Fremder: Darin, daß wenn wir auch noch so bestimmt gesehen hätten, es gebe allerdings eine aufziehende Kunst für die zweibeinige Herde, wir sie doch nicht gleich sollten die königliche und Staatskunst genannt haben, als wäre sie bereits völlig fertig.
Der jüngere Sokrates: Warum nicht?
Fremder: Zuerst, wie schon gesagt, war der Name zu verändern und mehr auf die gesamte Besorgung als auf die bloße Zucht zu beziehen. Dann war auch diese noch zu zerschneiden; denn sie hat wohl nicht wenig Einschnitte noch.
Der jüngere Sokrates: Was für welche?
Fremder: Wie wir ja schon den göttlichen Hüter und den menschlichen Vorsorger von einander getrennt haben.
Der jüngere Sokrates: Richtig.
Fremder: Aber auch diese abgeteilte vorsorgende Kunst war notwendig wieder entzweizuschneiden.
Der jüngere Sokrates: Und wie das?
Fremder: In gewaltsame und freiwillige.
Der jüngere Sokrates: Wie so?
Fremder: Auch darin hatten wir vorher gefehlt, und einfältiger als billig, König und Tyrann in Eins zusammengestellt, da doch sie selbst und eines jeden von ihnen Art zu herrschen einander ganz unähnlich sind.
Der jüngere Sokrates: Richtig.
Fremder: Nun also wollen wir auch dies berichtigend die menschliche Vorsorgungskunst in zwei Teile teilen, nachdem gewaltsames darin ist oder freiwilliges.
Der jüngere Sokrates: Allerdings.
Fremder: Und die der Gewalttätigen nennen wir die tyrannische, die freiwillige Herdenwartung aber über freiwillige zweibeinige lebendige Wesen die Staatskunst bezeichnend, wollen wir nun den, der diese Kunst und Besorgung ausübt, als den wahrhaften und wirklichen König und Staatsmann aufstellen.
(277) Der jüngere Sokrates: Und hiemit, o Fremdling, wird uns nun doch wohl die richtige Darstellung des Staatsmannes ganz vollendet sein.
Fremder: Sehr schön, o Sokrates, stände es dann um uns. Aber das mußt nicht nur du allein, sondern auch ich muß es gemeinschaftlich mit dir glauben. Nun aber scheint mir wenigstens der König noch nicht seine völlige Gestalt zu haben, sondern wie die Bildhauer bisweilen wenn sie zur Ungebühr eilen ihre Werke größer anlegen als nötig und sie dadurch verzögern: so haben auch wir um nicht nur schnell sondern auch auf eine prächtige Art den Fehler unserer ersten Ausführung ans Licht zu bringen und in der Meinung, es gezieme sich dem König auch große Beispiele beizufügen, eine wundergroße Masse von Geschichte zusammengebracht und uns dann eines größeren Teiles derselben als nötig bedienen müssen. Darum ist unsere Darstellung gar lang geraten, und wir haben nicht einmal die Geschichte zu Ende gebracht. Sondern an unserer Rede mögen wohl wie an einem Gemälde die Umrisse gut genug gezeichnet sein, aber gleichsam die Deutlichkeit welche durch die Pigmente und durch die richtige Mischung der Farben entsteht ihr noch gefehlt haben. Und doch soll man noch besser als durch Malerei oder jede andere Handarbeit alles lebendige durch Vortrag und Rede denen darstellen die es fassen können, und nur den andern durch Nachbildung mit Händen.
Der jüngere Sokrates: Das ist wohl richtig. Wie du aber meinst daß wir noch nicht hinlänglich erklärt hätten, das mache mir deutlich.
Fremder: Es ist schwer, Bester, wenn man nicht ein Beispiel zur Hand nimmt irgend etwas größeres recht deutlich zu machen. Denn sonst mag wohl jeder von uns erst wie im Traume alles wissen und dann wieder gleichsam wachend alles nicht wissen.
Der jüngere Sokrates: Wie meinst du das?
Fremder: Gar wunderlich scheine ich gegenwärtig aufzuregen was bei dem Wissen in uns vorkommt.
Der jüngere Sokrates: Woher das?
Fremder: Eines Beispiels hat mir ja nun wieder auch das Beispiel selbst bedurft.
Der jüngere Sokrates: Was nun weiter? Sage es nur, und meinetwegen trage gar kein Bedenken.
Fremder: So will ich es denn sagen, da ja auch du bereit bist zu folgen. Von den Kindern wissen wir doch, wenn sie eben lesen lernen.
Der jüngere Sokrates: Was denn?
Fremder: Daß sie jeden Buchstaben in den kürzesten und leichtesten Silben bald genug bemerken und ihn da richtig auszusprechen verstehen.
Der jüngere Sokrates: Das gewiß.
(278) Fremder: Diese selbige aber in anderen wieder verkennen und dann fehlen in ihrer Vorstellung und Rede.
Der jüngere Sokrates: Allerdings.
Fremder: Ist es nun nicht so am leichtesten und schönsten sie zu dem zu führen, was sie noch nicht erkennen?
Der jüngere Sokrates: Wie?
Fremder: Daß man sie erst zu dem zurückführe, wo sie dasselbe richtig vorgestellt haben, und dann dieses neben das noch nicht von ihnen erkannte stelle, um ihnen durch Vergleichung die Ähnlichkeit und die selbige Beschaffenheit in beiden Verknüpfungen zu zeigen, bis das richtig vorgestellte neben alles noch unbekannte gestellt aufgezeigt ist und so aufgezeigt Beispiele abgibt, welche bewirken, daß von allen Buchstaben in allen Silben jeder wenn er verschieden ist auch verschieden, wenn er aber derselbe ist auch als derselbe immer auf gleiche Weise benannt werde.
Der jüngere Sokrates: Allerdings freilich.
Fremder: Das also haben wir zur Genüge gefaßt, daß ein Beispiel alsdann entsteht, wenn etwas, was dasselbe ist in einem andern getrennten, richtig vorgestellt und herbeigebracht, von jedem von beiden als gleichen eine und dieselbe richtige Vorstellung bewirkt.
Der jüngere Sokrates: Das leuchtet ein.
Fremder: Sollen wir uns also wundern, wenn unsere Seele, der es von Natur mit den Bestandteilen der Dinge überhaupt eben so ergeht, jetzt der Wahrheit gemäß über einzelnes in einigen Sicherheit gewinne, dann aber wieder über alle in anderen schwankt; und einige von ihnen doch in manchen Verbindungen richtig vorstellt, versetzt aber in weitläuftige und nicht leichte Verknüpfungen und gleichsam Silben von Gegenständen eben dieselbigen wieder nicht erkennt?
Der jüngere Sokrates: Gar nicht ist das zu verwundern.
Fremder: Denn von einer falschen Vorstellung anfangend könnte einer wohl auch nicht zum kleinsten Teile der Wahrheit gelangen und so irgend Einsicht gewinnen.
Der jüngere Sokrates: Gewiß auf keine Weise.
Fremder: Also wenn dies so beschaffen ist: so würden wir wohl nichts verstehen ich und du, nachdem wir zuerst versucht haben die Natur des gesamten Beispiels an einem kleinen auf etwas besonderes sich beziehenden einzelnen Beispiel zu erkennen, wenn wir uns nun daran gäben, indem wir zu dem Könige als dem größten schon den selbigen Begriff aus kleineren Dingen irgendwoher hinzubrächten, vermittelst des Beispiels auch zu versuchen die Besorgung derer in der Stadt nach der Kunst zu erläutern, damit wir nun statt im Traume es auch wachend haben.
Der jüngere Sokrates: Vollkommen richtig.
Fremder: So laß uns denn unsere vorige Rede wieder aufnehmen, (279) daß nämlich, weil mit dem königlichen Geschlecht so viele andere um die Besorgung im Staate sich streiten, wir diese alle absondern müssen um jenen allein zu behalten, und eben hiezu, sagten wir, bedürften wir eines Beispiels.
Der jüngere Sokrates: Und das gar sehr.
Fremder: Was für ein recht kleines Beispiel, welches aber doch dieselbige bürgerliche Verrichtung in sich schläfre, könnte einer nun wohl beibringen um das Gesuchte danach genau genug zu finden? Oder beim Zeus, Sokrates, sollen wir wenn wir nichts anderes bei der Hand haben eben so gern die Weberei nehmen? und auch die, wenn du meinst, nicht ganz? Vielleicht nämlich wird uns schon die hinreichen welche in Wolle arbeitet. Denn wenn wir auch nur diesen Teil von ihr herausnehmen, wird er uns wohl schon nachweisen, was wir wollen.
Der jüngere Sokrates: Warum also nicht?
Fremder: Und warum wollten wir nicht, wie wir vorher alles von jedem Teil wieder Teile abschneidend zerlegt haben, auch jetzt bei der Weberei dasselbe tun, und wenn wir alles so kurz als möglich schnell durchgegangen sind, wieder zu dem was uns jetzt brauchbar ist zurückkehren?
Der jüngere Sokrates: Wie meinst du das?
Fremder: Ich will dir durch die Ausführung selbst antworten.
Der jüngere Sokrates: Sehr gut gesagt.
Fremder: Alle Dinge also welche wir verfertigen oder erwerben dienen uns teils um etwas zu tun, teils sind sie, um etwas nicht zu leiden, Schutzwehren. Und von diesen Schutzwehren sind einige Heilmittel, sowohl göttliche als menschliche, andere Abwehrungsmittel. Und von den Abwehrungsmitteln sind einige Rüstungen für den Krieg, andere sind Einhegungen. Von diesen Einhegungen sind einige Vorbauungen gegen den Anblick, andere sind Sicherungen gegen Hitze und Ungewitter. Von diesen Sicherungen sind einige was wir Obdach, andere was wir Hülle nennen. Die Hüllen sind wieder teils Unterdecken, teils Anzüge. Von den Anzügen sind einige aus einem Stück, andere zusammengesetzt; die zusammengesetzten teils durchlöchert, teils ohne Durchlöcherung verbunden; und von den undurchlöcherten einige aus dem Baste der Pflanzen, andere von Haaren, und die härenen teils mit Wasser und Erde geklebt, teils durch sie selbst verbunden. Eben diese nun aus durch sich selbst verbundenem gefertigten Abwehrungen und Hüllen nennen wir Kleider; und die diese Kleider vorzüglich besorgende Kunst wollen wir, wie wir dort die den Staat vorzüglich besorgende die Staatskunst nannten, so auch diese von der (280) Sache selbst die Kleidermacherkunst nennen. Und wollen auch sagen daß die Weberei wiefern sie bei Verfertigung der Kleider bei weitem das wichtigste Stück ist, gar nicht als nur dem Namen nach von dieser Kleidermacherkunst unterschieden ist, so wie dort die königliche von der Staatskunst.
Der jüngere Sokrates: Vollkommen richtig.
Fremder: Und nun laß uns das weitere bedenken, daß nämlich diese so beschriebene Weberei der Kleider einer wohl für hinlänglich erklärt hatten würde, der nämlich nicht bemerken könnte daß sie von ihren nächsten Gehülfinnen noch nicht ausgeschieden, wenn gleich von vielen verwandten abgeteilt ist.
Der jüngere Sokrates: Von was für verwandten, sage.
Fremder: Du bist dem Gesagten nicht gefolgt wie es scheint. Also müssen wir wohl noch einmal zurückgehn vom Ende anfangend, ob du etwa das verwandte gewahr wirst was wir jetzt eben von ihr abgeschnitten haben, nämlich die Verfertigung der Teppiche welche wir absonderten, wiefern sie untergelegt jene aber angelegt werden.
Der jüngere Sokrates: Ich verstehe.
Fremder: Auch jede Bereitung aus Lein und Hanf und allem was wir in der Erklärung Pflanzenbast nannten, haben wir weggenommen; auch alles Filzen haben wir ausgeschieden und was mittelst Durchbohrung und Naht die Teile verknüpft, wovon das meiste die Lederarbeit ist.
Der jüngere Sokrates: Allerdings,
Fremder: Eben so die Bearbeitung der Häute zu Bedeckungen aus einem Stück, und alle Arten von Obdach sowohl welche die Baukunst und die Tischerei errichten um Strömungen abzuhalten, als auch was andere einhegende Künste hervorbringen um gegen Diebereien und gewalttätige Handlungen zu schützen, und alle welche sich damit beschäftigen Kisten und Deckel zu verfertigen und die Befestigungen der Türen, und alle welche sich abteilen lassen als Teile der Kunst die sich der Nägel bedient. Ferner haben wir die Verfertigung der Waffen abgeschnitten als einen Ausschnitt der großen und mannigfaltigen Kunst der Abwehrungsmittel; ja auch jene Kocherei, welche es mit den Arzneimitteln zu tun hat, haben wir gleich Anfangs gänzlich abgeschieden, und haben wie wir denken sollten nur eben die gesuchte gegen die Witterung schützende und wollene Umwürfe verfertigende allein übrig gelassen, welche die Weberei genannt wird.
Der jüngere Sokrates: So scheint es allerdings.
Fremder: Aber vollständig ist dies noch gar nicht erklärt, Kind. Denn wer ganz zuerst an Verfertigung der Kleider Hand anlegt scheint doch ganz das Gegenteil des Webens zu verrichten.
Der jüngere Sokrates: Wie so?
(281) Fremder: Das Weben ist doch ein Zusammenflechten?
Der jüngere Sokrates: Ja.
Fremder: Jenes aber ist vielmehr eine Trennung des zusammenhängenden und zusammengefilzten.
Der jüngere Sokrates: Welches denn?
Fremder: Das Geschäft des Wollkämmers. Oder sollen wir wagen dies Weberei und den Wollkämmer wirklich Weber zu nennen?
Der jüngere Sokrates: Keinesweges.
Fremder: Und wenn jemand wiederum das Spinnen des Fadens zur Kette sowohl als zum Einschlag Weberei nennen wollte: so würde der sich auch eines ungewöhnlichen und falschen Namens bedienen.
Der jüngere Sokrates: Freilich wohl.
Fremder: Und wie alles Walken und Ausbessern sollen wir das gar nicht als eine Besorgung und Pflege der Kleider setzen? oder auch dies alles als Weberei aufstellen?
Der jüngere Sokrates: Keinesweges.
Fremder: Aber doch werden diese alle die Besorgung und Entstehung der Kleider wohl der Weberei streitig machen, den größten Teil freilich ihr überlassend, aber auch einen großen sich zuschreibend.
Der jüngere Sokrates: Freilich.
Fremder: Überdies ist noch zu glauben, daß dann auch die Künste welche die Werkzeuge verfertigen, mit denen die Geschäfte bei dem Gewebe verrichtet werden, auch werden Miturheberinnen sein wollen bei jedem Gewebe.
Der jüngere Sokrates: Ganz recht.
Fremder: Wird nun wohl die Erklärung der Weberei welche wir als den vorzüglichsten Teil gewählt, hinlänglich bestimmt sein, wenn wir sie unter allen Besorgungen für die wollenen Gewände nur als die schönste und größte angeben? Oder würden wir dann zwar wohl etwas richtiges sagen, bestimmtes und vollendetes aber nicht, ehe als wir auch diese alle abgesondert haben?
Der jüngere Sokrates: Gewiß.
Fremder: Dies ist also nun zu verrichten, was wir eben sagen, damit uns die Rede weiter gedeihe.
Der jüngere Sokrates: Freilich.
Fremder: Zuerst also laß uns zweierlei Künste bei allem was gemacht wird betrachten.
Der jüngere Sokrates: Was für welche?
Fremder: Die eine ist an einem Entstehen Mitursache, die andere die Ursache selbst.
Der jüngere Sokrates: Wie das?
Fremder: Solche Künste welche die Sache nicht selbst verfertigen, den verfertigenden aber Werkzeuge darreichen, ohne deren Anwendung das jeder Kunst anheimfallende nicht könnte verfertiget werden, diese nenne ich Mitursachen, die aber welche die Sache selbst verfertigen, Ursachen.
Der jüngere Sokrates: Das hat freilich Grund.
Fremder: Demnächst also wollen wir die von denen die Spinnrocken und Weberladen herrühren, und was für Werkzeuge sonst noch an der Entstehung der Bekleidungen Teil haben, alle Mitursachen nennen, die aber sie selbst behandeln und verfertigen, Ursachen.
Der jüngere Sokrates: Ganz richtig.
(282) Fremder: Von denen nun, welche Ursachen sind, wollen wir das Waschen und Ausbessern und alle ähnliche Besorgungen, weil die schmückende Kunst sehr ausgebreitet ist, als den hiehergehörigen Teil derselben zusammenfassen, und alle zusammen benennen nach der Walkerei.
Der jüngere Sokrates: Gut.
Fremder: Wiederum das Kämmen und Spinnen und alle Teile der Verfertigung des Kleides selbst wovon wir reden, diese alle bilden Eine Kunst von den allgemein angegebenen, welche die Wollenzeugbereitung genannt wird.
Der jüngere Sokrates: Wie sollte sie auch anders!
Fremder: Die Wollenzeugbereitung habe uns aber wieder zwei Abschnitte, deren jeder zugleich ein Teil von zwei Künsten ist.
Der jüngere Sokrates: Wie das?
Fremder: Das Kämmen und die eine Hälfte der Bearbeitung auf dem Webestuhl, und was sonst das vereinigte trennt, alles dies gehört, wenn man es in eins zusammenfassen will, freilich zur Zeugbereitung selbst; aber dann gibt es doch auch noch zwei sehr weit über alles verbreitete Künste, die verbindende und die trennende?
Der jüngere Sokrates: Ja.
Fremder: Das Kämmen also und das eben erwähnte alles gehört zur trennenden. Denn das Trennen der Wolle und der Fäden, welches mit der Weberlade auf eine Art geschieht, mit den Händen auf eine andere, dies führt eben die jetzt genannten Namen.
Der jüngere Sokrates: Allerdings.
Fremder: Eben so werden wir wiederum einen Teil der verbindenden Kunst auch in der Wollbereitung finden, und wollen daher was von ihr zur trennenden gehört alles zusammenholen, und so die Wollenbereitung zerschneiden in einen trennenden und einen verbindenden Abschnitt.
Der jüngere Sokrates: So sei sie dann geteilt.
Fremder: Aber auch den verbindenden zur Wollbereitung gehörigen Teil, o Sokrates, wirst du teilen müssen, wenn wir recht genau die vorbeschriebene Weberei finden wollen.
Der jüngere Sokrates: So müssen wir es denn.
Fremder: Wir müssen es freilich, und sagen der eine Teil sei der drehende, der andere der flechtende.
Der jüngere Sokrates: Verstehe ich recht? Mich dünkt nämlich du nennst den, der es mit Verfertigung des Fadens zur Kette zu tun hat, den drehenden.
Fremder: Nicht zur Kette allein, sondern auch zum Einschlag. Oder werden wir irgend finden, daß dieser ohne Drehen entstehe?
Der jüngere Sokrates: Gewiß nicht.
Fremder: Teile aber auch wieder jeden von diesen; denn diese Teilung könnte dir sehr zu Statten kommen.
Der jüngere Sokrates: Wie denn?
Fremder: So. Das Werk des Wollkämmers in die Länge und in die Breite gezogen nennen wir den Wocken.
Der jüngere Sokrates: Ja.
Fremder: Was nun hievon mit der Spindel zu einem starken Faden gedreht wird, das nenne das Gespinst zur Kette, und die Kunst die dieses sauber anfertiget, die drelle Spinnerei.
Der jüngere Sokrates: Richtig.
Fremder: Was aber nur lose zusammengedreht wird, und durch Einflechtung der Kette bei der Bearbeitung des Walkers die gehörige Weichheit erhält, dies Gespinst ist das für den Einschlag, und die Kunst der es anheimfällt wollen wir die weiche Spinnerei nennen.
Der jüngere Sokrates: Ganz richtig.
Fremder: Und nun ist der Teil der Weberei den wir bestimmen (283) wollten schon Jedem klar. Nämlich wenn der in der Wollenbereitung sich findende Teil der verbindenden Kunst durch gerades Einschießen des Einschlags in die Kette ein Geflecht hervorbringt, so wird nun das sämtliche Geflecht das wollene Gewand sein, und die hiezu gesetzte Kunst nennen wir die Weberei.
Der jüngere Sokrates: Ganz richtig.
Fremder: Gut. Warum haben wir aber nicht gleich geantwortet, die Weberei sei die Verflechtung des Einschlags und der Kette; sondern sind in einem weiten Kreise herumgegangen gar vieles unnützerweise beschreibend?
Der jüngere Sokrates: Unnützerweise scheint mir wenigstens nichts gesagt zu sein von dem was wir gesagt haben.
Fremder: Das ist wohl auch kein Wunder, aber es könnte dir doch so scheinen. Gegen dieses Übel nun, wenn es dir vielleicht in Zukunft öfter wiederkommen sollte, denn auch das wäre kein Wunder, höre eine Rede, die auf alles dergleichen angewendet zu werden wohl verdient.
Der jüngere Sokrates: Sage sie nur.
Fremder: Zuerst also laß uns überhaupt sehen was Übermaß und Mangel ist, damit wir mit Grund loben und tadeln, was in solchen Unterhaltungen ausführlicher als billig gesagt wird, und was entgegengesetzt.
Der jüngere Sokrates: Das wollen wir dann.
Fremder: Wenn also unsere Rede auf diese Dinge selbst ginge, würde sie den rechten Weg einschlagen.
Der jüngere Sokrates: Auf welche?
Fremder: Auf Länge und Kürze und überhaupt auf jedes Hervorragen oder Zurückbleiben. Auf alles dies geht aber doch eben die Meßkunst?
Der jüngere Sokrates: Ja.
Fremder: Laß sie uns also in zwei Teile teilen, denn das bedürfen wir zu unserm jetzigen Behuf.
Der jüngere Sokrates: Sage nur wie die Teilung geschehen soll.
Fremder: So. Der eine bezieht sich auf ihr Teilhaben an Größe und Kleinheit in Verhältnis zu einander; der andere auf des Werdens notwendiges Wesen.
Der jüngere Sokrates: Wie meinst du das?
Fremder: Dünkt dich nicht natürlich, daß man sagen müsse das größere sei als nichts anderes größer denn nur als das kleinere? und das kleinere wiederum kleiner als das größere und als nichts anderes?
Der jüngere Sokrates: Das dünkt mich allerdings.
Fremder: Wie aber was die Natur des Angemessenen übertrifft oder davon übertroffen wird, in Reden oder auch in Handlungen, müssen wir das nicht auch beschreiben als ein wirklich werdendes, wodurch ja auch vorzüglich die Guten und die Bösen unter uns sich von einander unterscheiden?
Der jüngere Sokrates: Offenbar.
Fremder: Diese zwei verschiedenen Arten zu sein und beurteilt zu werden müssen wir also annehmen für das Große und Kleine, und nicht wie wir vorher sagten sie dürften in Beziehung auf einander sein; sondern vielmehr, wie es jetzt erklärt worden, ist die eine in Beziehung beider auf einander, die andere in ihrer Beziehung auf das angemessene zu setzen. Weshalb aber, wollen wir das wohl sehn?
Der jüngere Sokrates: Warum nicht?
Fremder: Wenn jemand nicht zugeben will, daß der Begriff des Größeren sich auf etwas anderes beziehe als auf das (284) kleinere, so wird er sich nie auf das angemessene beziehen. Nicht wahr?
Der jüngere Sokrates: Gewiß.
Fremder: Und würden wir nicht die Künste selbst und alle ihre Werke zerstören durch diese Rede? und wird uns nicht eben auch die jetzt gesuchte Staatskunst und die vorher erklärte Weberkunst verschwinden? Denn alle solche suchen was größer oder geringer als das Angemessene ist; nicht als nichtseiend, sondern als für ihr Geschäft verderblich zu vermeiden; und nur indem sie auf diese Weise das Angemessene bewahren vollbringen sie alles Gute und Schöne.
Der jüngere Sokrates: Wie könnten sie anders?
Fremder: Machen wir aber daß die Staatskunst uns verschwindet: so bleibt unsere Untersuchung der königlichen Wissenschaft ohne Ausgang.
Der jüngere Sokrates: Gewiß gar keiner.
Fremder: Sollen wir nun, wie wir bei dem Sophisten durchsetzten, das Nichtseiende sei, weil dahin allein die Rede sich retten konnte, so auch jetzt durchsetzen, das Mehr und Weniger müsse meßbar sein nicht nur gegen einander, sondern auch gegen die Entstehung des Angemessenen? Denn unmöglich kann weder ein Staatsmann noch irgend ein Anderer von denen die es mit Handlungen zu tun haben unbestritten ein wahrhaft Kundiger sein, wenn dies nicht zugestanden wird.
Der jüngere Sokrates: Also müssen wir auf alle Weise auch jetzt dasselbe tun.
Fremder: Nur noch größer ist diese Arbeit, o Sokrates, als jene, und wir erinnern uns doch noch an jene wie lang sie währte. Aber voraussetzen können wir darüber wohl dieses mit allem Recht.
Der jüngere Sokrates: Was doch?
Fremder: Daß allerdings das jetzt angeführte nötig sein wird zur Darlegung des genauen selbst. Daß es aber zu unserm jetzigen Bedarf schön und genügend gezeigt ist, dazu scheint dieser Satz uns reichlich zu helfen, daß man doch auf gleiche Weise annehmen muß, alle Künste bestehen, und größeres und kleineres sei meßbar nicht nur gegen einander sondern auch gegen die Entstehung des Angemessenen. Denn wenn dies statt finden können auch jene bestehen, und bestehen jene so muß auch dieses sein; ist aber eines von beiden nicht, so kann auch keines von beiden jemals sein.
Der jüngere Sokrates: Das ist richtig; allein was folgt weiter?
Fremder: Offenbar werden wir nun die Meßkunst auf die Art wie jetzt erklärt ist teilen, indem wir sie in zwei Teile zerschneiden, als den einen Teil derselben alle Künste setzend, welche Zahlen, Längen, Breiten, Tiefen und Geschwindigkeiten gegen ihr Gegenteil abmessen; als den andern alle die es tun gegen das angemessene und schickliche und gelegene und gebührliche und alles was in der Mitte zwischen zwei äußersten Enden seinen Sitz hat.
Der jüngere Sokrates: Gar groß ist jeder von diesen Abschnitten und gar weit unterschieden einer vom andern.
Fremder: Denn was bisweilen, o Sokrates, viele preiswürdige Männer sagen in der Meinung etwas recht weises vorgetragen (285) zu haben, daß nämlich die Meßkunst auf alles werdende geht, das ist eben dies jetzt erklärte. Denn Messung findet gewissermaßen bei allem Kunstmäßigen statt. Weil sie aber nicht gewöhnt sind was sie betrachten nach Arten einzuteilen: so werfen sie diese so sehr von einander verschiedenen Dinge in Eins zusammen, und halten sie für ähnlich; eben so tun sie dann auch wieder das Gegenteil indem sie anderes gar nicht nach einer ordentlichen Teilung von einander trennen, da doch, wer zuerst die Gemeinschaft zwischen vielen bemerkt nicht eher ablassen sollte, bis er alle Verschiedenheiten in derselben gesehen hat, so viele nur ihrer auf Begriffen beruhen; und wiederum wenn die mannigfaltigen Unähnlichkeiten an einer Mehrheit erschienen sind, man nicht im Stande sein sollte eher sich zu scheuen und aufzuhören, bis man alles verwandte innerhalb Einer Ähnlichkeit eingeschlossen und unter das Wesen Einer Gattung befaßt hat. Dies sei nun aber hierüber und über Mangel und Übermaß zur Genüge gesprochen. Nur dies laß uns in Acht nehmen, daß wir zwei Arten der Meßkunst dafür gefunden haben, und laß uns erinnern worin wir sagten daß beide beständen.
Der jüngere Sokrates: Das wollen wir erinnern.
Fremder: Nach dieser Erklärung nun laß uns eine andere hinzufügen über das Gesagte selbst, und über jedes Verkehr in solchen Reden.
Der jüngere Sokrates: Was doch für eine?
Fremder: Wenn uns jemand fragte über die Zusammenkünfte derer, welche die Buchstaben lernen, ob wenn einer nach irgend einem Worte gefragt wird aus was für Buchstaben es bestehe, wir dann sagen wollen, die Frage geschehe mehr wegen des einen aufgegebenen, oder vielmehr damit er in allem was aufgegeben werden kann sprachkundiger werde.
Der jüngere Sokrates: Deshalb offenbar damit er es in allem werde.
Fremder: Und wie? unsere Frage über den Staatsmann ist sie uns mehr um seinetwillen selbst aufgegeben worden, oder damit wir in allem dialektischer werden?
Der jüngere Sokrates: Offenbar auch dies um es in allem zu werden.
Fremder: Gewiß wird doch wenigstens kein irgend vernünftiger Mensch die Erklärung der Weberei um ihrer selbst willen suchen wollen. Aber das glaube ich merken die meisten nicht, daß einige Dinge leicht zu erkennende zur Wahrnehmung gehörige Ähnlichkeiten an sich tragen welche es dann gar nicht schwer ist aufzuzeigen, wenn jemand einem, der Rechenschaft über etwas verlangt, nicht auf eine mühsame Weise, sondern ohne Erklärung leicht etwas darüber deutlich machen will; daß aber von den größten und wichtigsten es kein handgreifliches Bild für die Menschen gibt, durch dessen Aufzeigung, (286) wer die Seele eines Forschenden befriedigen will, wenn er es etwa irgend einem Sinne vorhielte, sie hinlänglich befriedigen könnte. Deshalb muß man darauf bedacht sein von jedem Erklärung geben und auffassen zu können. Denn das unkörperliche als das größte und schönste wird nur durch Erklärung und auf keine andere Weise deutlich gezeigt. Und hierauf bezieht sich alles jetzt gesagte; aber die Übung ist in allen Stücken leichter am geringeren als am größeren.
Der jüngere Sokrates: Sehr schön gesagt.
Fremder: Weshalb wir nun dieses alles vorgetragen laß uns ja nicht vergessen.
Der jüngere Sokrates: Weshalb also?
Fremder: Zunächst und gar nicht am wenigsten wegen eben jener Beschwerde über jene Weitläuftigkeit in der Erklärung der Weberei, die wir gar beschwerlich empfunden haben, und in der von der Umwälzung des Ganzen, und in der über das Sein des Nichtseienden beim Sophisten, indem wir bemerkten wie sehr lang dies alles war. Und über alles dieses haben wir uns Vorwürfe gemacht, besorgend daß wir außer dem langen auch ungehörig sprächen. Damit uns also dieses in Zukunft nicht wieder begegne, deshalb, sage, hätten wir alles bisherige erörtert.
Der jüngere Sokrates: Das soll geschehen; sprich nur weiter.
Fremder: Ich sage demnach, daß wir, du und ich, uns des jetzt gesagten zu erinnern und immer Lob und Tadel über Länge und Kürze, wovon wir auch jedesmal reden mögen, zu erteilen haben nicht nach Beurteilung der Längen in Vergleich mit einander, sondern zufolge jenes Teiles der Meßkunst welchen wir uns damals merken wollten, nach dem schicklichen.
Der jüngere Sokrates: Richtig.
Fremder: Aber auch nicht nach diesem allem. Denn weder der zur bloßen Belustigung angemessenen Länge werden wir anders bedürfen als nur sehr nebenbei. Und eben so auch die für die Untersuchung des unmittelbar Aufgegebenen, um es aufs leichteste und schnellste zu finden, gebietet unsere Rede uns nicht als das erste, sondern nur als das zweite zu lieben; am meisten aber und zuerst das Verfahren selbst in Ehren zu halten, daß man der Teilung nach Arten mächtig sei, und daher auch eine Rede, wenn sie gleich noch so lang müßte gesprochen werden um den Hörer erfinderischer zu machen, dennoch zu verfolgen und über die Länge nicht unwillig zu sein, und wiederum wenn sie nur kurz sein darf, eben so. Ferner auch, daß wer in solchen Verhandlungen die Länge der Reden tadelt und das Herumgehn im Kreise sich nicht will gefallen lassen, daß der keinesweges nur so geradezu das Gesprochene abzutun und zu tadeln habe, daß es zu lang sei, sondern auch zu bedenken, daß er zeigen müsse, wie (287) es kürzer könnte gewesen sein und doch die Unterredenden dialektischer gemacht haben und erfinderischer in der Kundmachung der Dinge durch die Rede; und daß wir auf anderes Lob und Tadel, wobei auf etwas anderes gesehen wird, uns gar nicht zu bekümmern haben vielmehr tun können als ob wir auf solche Reden ganz und gar nicht hörten. Und hievon sei es nun genug, wenn auch du so meinst. Sondern laß uns jetzt wieder zum Staatsmann gehn und das vorher durchgeführte Beispiel der Weberei an ihm versuchen.
Der jüngere Sokrates: Wohl gesprochen, und laß uns tun was du sagst.
Fremder: Nicht wahr, von vielen Künsten welche ebenfalls Hüterinnen sind, oder vielmehr von allen welche mit Herden zu tun haben ist der König uns schon abgesondert? Nur sind uns noch übrig, müssen wir sagen, die in dem Staate selbst zu den Mitursachen und Ursachen gehören, welche wir zuerst von einander trennen müssen.
Der jüngere Sokrates: Richtig.
Fremder: Nun weißt du wohl, daß es schwer ist sie in zwei Teile zu teilen; und auch die Ursache davon wird uns, denke ich, wenn wir weiter gehen nicht minder deutlich werden.
Der jüngere Sokrates: So wollen wir es denn so tun.
Fremder: Gliederweise wollen wir sie also wie die Opfer zerteilen, da es in die Hälften nicht gehen will. Denn in die möglichst nächste Zahl von dieser muß man immer zerschneiden.
Der jüngere Sokrates: Wie wollen wir das also jetzt machen?
Fremder: Wie vorher, wo wir doch alle welche nur Werkzeuge für die Weberei hergaben als Mitursachen setzten.
Der jüngere Sokrates: Ja.
Fremder: Dasselbe müssen wir nun auch jetzt, und zwar noch mehr als damals tun. Die nur irgend ein, sei es nun kleines oder großes Werkzeug im Staat verfertigen, diese müssen wir insgesamt als Mitursachen setzen. Denn ohne diese könnte weder ein Staat noch eine Staatskunst jemals bestehen, aber keines davon können wir doch als ein Werk der königlichen Kunst ansehen.
Der jüngere Sokrates: Freilich nicht.
Fremder: Allein etwas schwieriges unternehmen wir zu tun durch Absonderung dieser Gattung von den übrigen. Denn von welchem Dinge man auch sagt, daß es Werkzeug für ein gewisses anderes sei, wird das immer ganz glaubhaft gesagt scheinen. Dennoch aber wollen wir von einer andern Sache im Staate dieses behaupten.
Der jüngere Sokrates: Was doch meinst du?
Fremder: Daß sie nicht dieselbe Eigenschaft hat. Denn nicht um Ursache zu sein daß etwas entstehe wird sie zusammengeschlagen, wie ein Werkzeug, sondern zu des bereits verfertigten Erhaltung.
Der jüngere Sokrates: Was meinst du doch für eine?
Fremder: Was für trocknes und nasses, für im Feuer gewesenes und nicht darin gewesenes auf mannigfaltige Weise verfertiget und mit Einem Namen Gefäß genannt wird, ein gar weitläuftiger Begriff, und der mit unserer gesuchten Wissenschaft, wie ich glaube, gar nichts zu schaffen hat.
Der jüngere Sokrates: Wie sollte er auch?
(288) Fremder: Ferner ist eine dritte von diesen verschiedene Art von Sachen häufig zu sehen zu Land und zu Wasser, teils weit umherirrend teils nicht, teils kostbar teils geringschätzig, Einen Namen aber führend, weil er insgesamt um etwas bei sich aufzunehmen ein Sitz für etwas wird.
Der jüngere Sokrates: Was doch meinst du?
Fremder: Was wir Fahrzeug nennen, und was gar nicht der Staatskunst Werk ist, sondern weit mehr des Zimmermanns und Töpfers und Metallarbeiters.
Der jüngere Sokrates: Ich verstehe.
Fremder: Und wie? sollen wir nicht als eine andere vierte Art diejenige angeben, wozu das meiste von dem vorher schon erwähnten gehört, alles was Kleidung ist, und die meisten Waffen und Mauern, und alles was aufgeworfen wird von Erde und Steinen, und tausenderlei anderes? Da es aber insgesamt um etwas zu umgeben und zu decken verfertiget wird, könnte man es im allgemeinen und mit allem Recht Bedeckung nennen und es bei weitem mehr für das Werk der Baukunst und der Weberei größtenteils und richtiger halten, als der Staatskunst.
Der jüngere Sokrates: Allerdings.
Fremder: Wollen wir nun etwa als das fünfte alles was zum Schmuck gehört aufstellen, und die Malerkunst, und was durch Anwendung dieser Kunst und der Tonkunst als Nachbildung nur zu unserem Vergnügen hervorgebracht und mit Recht unter Einem Namen begriffen wird?
Der jüngere Sokrates: Unter welchem?
Fremder: Spielwerk nennt man doch etwas?
Der jüngere Sokrates: Wie sollte man nicht!
Fremder: Und das wird sich eben als gemeinschaftlicher Name für dies alles schicken. Denn nie wird etwas davon eines Geschäftes wegen sondern nur zum Spiel gemacht.
Der jüngere Sokrates: Auch das verstehe ich wohl.
Fremder: Was nun aber dem allen Körper gibt, woraus und womit alle erwähnten Künste arbeiten, und was wiederum als mannigfaltige Gattung ein Erzeugnis vieler anderen Künste ist, sollen wir das nicht als das sechste setzen?
Der jüngere Sokrates: Was meinst du wohl?
Fremder: Gold und Silber und was sich sonst hämmern läßt, und was die Holzschläger und Scherer abschneidend den zimmernden und flechtenden Künsten liefern, und die Baumschäler welche den Gewächsen, so wie die Lederarbeiter welche den belebten Körpern die Haut abziehn, und alle Künste welche sich mit dergleichen abgeben, wie auch die den Kork und die Schreiberollen und die Riemen verfertigenden, was diese alle liefern um zusammengesetztes verschiedener Art aus allen Arten des nichtzusammengesetzten zu verfertigen: dies alles nennen wir als eins, den ursprünglichen und unzusammengesetzten Besitz für die Menschen, keinesweges aber ein Werk der königlichen Kunst.
Der jüngere Sokrates: Schön.
Fremder: Dann wieder das Gewinnen der Nahrung, und was in den Leib eingemischt durch seine Teile die Teile des Leibes irgend zu stärken ein Vermögen besitzt, dies nennen wir insgesamt als das siebente die Nahrung, wenn wir nicht einen (289) anderen schöneren Namen haben. Und wenn wir dies der Kunst des Landbaues und der Jagd und der Leibesübungen und der Heilkunst und Kochkunst anweisen, werden wir es richtiger stellen als unter die Staatskunst.
Der jüngere Sokrates: Das gewiß.
Fremder: Nun, glaube ich, daß fast alles was man besitzen kann, außer den zahmen Tieren in diesen sieben Arten zu finden ist. Sieh nur zu. Eigentlich nämlich sollte zuerst oben an stehn der rohe Stoff, nächst diesem das Werkzeug, das Gefäß, das Fahrzeug, die Bedeckung, das Spielwerk, die Nahrung. Wir übergehen aber wenn uns etwa manches unwichtige entgangen ist, was sich in eines von diesen größeren nicht fügen kann, wie die Idee des Geldes, der Insiegel und aller aufgedruckten Zeichen. Denn für diese ist keine unter jenen großen Gattungen ganz angemessen, sondern einiges davon würde sich zum Schmuck anderes zu den Werkzeugen, mit Gewalt zwar, aber doch ganz gewiß ziehen lassen und zusammenstimmen. Was aber zum Besitz der zahmen Tiere gehört, wenn man die Knechte ausnimmt, das wird die Herdenzucht wie wir sie vorher eingeteilt haben wohl ganz in sich befassen.
Der jüngere Sokrates: Allerdings.
Fremder: Nun sind also noch die Knechte und alle anderen Diener übrig, unter denen ich wohl ahnde daß sich uns auch die zeigen werden, die sich auch um das Geflechte selbst mit dem Könige streiten, wie vorher mit dem Weber die, welche das Spinnen und Wollkämmen und anderes erwähnte treiben. Die übrigen alle sind als Mitursachen bezeichnet schon mit den eben erwähnten Werken drauf gegangen und von dem königlichen und staatskünstlerischen Geschäft abgesondert.
Der jüngere Sokrates: Das scheinen sie wenigstens.
Fremder: Laß uns also die noch übrigen betrachten und zwar nahe hinzutretend, damit wir sie fester ins Auge fassen.
Der jüngere Sokrates: Das müssen wir freilich.
Fremder: Bei den hauptsächlichsten Dienern, von hier aus gesehen, werden wir freilich ein ganz entgegengesetztes Geschäft und Leben finden als uns jetzt ahndete.
Der jüngere Sokrates: Welche meinst du?
Fremder: Die erkauften verkäuflichen und auf diese Art erwerblichen, welche wir ohne Widerrede Knechte nennen, und von ihnen sagen dürfen daß sie am wenigsten Anspruch machen auf die königliche Kunst.
Der jüngere Sokrates: Wie sollten wir das nicht?
Fremder: Und wie? diejenigen Freien welche sich den eben erwähnten freiwillig zugesellen in der Dienstbarkeit, des Ackerbaues und der andern Künste Erzeugnisse einander zutragend und gegen einander ausgleichend, die einen auf dem Markte, die andern von Stadt zu Stadt ziehend über See und zu Lande, und Geld gegen Waren oder auch gegen sich selbst umsetzend, welche wir Geldwechsler und Kaufleute und Schiffsherren und Krämer nennen, sollten die sich wohl irgend dazu drängen zur Staatskunst zu gehören?
(290) Der jüngere Sokrates: Vielleicht wohl zu der der Kaufleute.
Fremder: Niemals aber werden wir doch die wir als Söldner dienen sehen und als Jedem bereitwillige Tagelöhner zugleich als solche erfinden, die auf die königliche Kunst Anspruch machen.
Der jüngere Sokrates: Wie sollten wir wohl!
Fremder: Und wie? etwa diejenigen, welche uns dergleichen Dienste zu leisten pflegen?
Der jüngere Sokrates: Wen? und was für Dienste meinst du?
Fremder: Die, zu denen das Geschlecht der Herolde gehört, und die sich auf öffentliche Schriften verstehen und uns damit oft Dienste leisten, und manche andere, die vielerlei anderes für die öffentlichen Gewalten mühsam auszurichten gar trefflich sind, wie sollen wir die nennen?
Der jüngere Sokrates: Wie du schon sagtest, Diener, nicht Herrscher in den Staaten selbst.
Fremder: Aber ich habe doch wohl nicht ein Traumgesicht gesehen, daß ich sagte, hier würden sich uns wohl die zeigen, welche ganz vorzüglich mit der königlichen Kunst im Streit begriffen wären? Wiewohl es freilich ganz ungereimt scheinen kann, diese in irgend einem dienenden Zustande suchen zu wollen.
Der jüngere Sokrates: Freilich wohl.
Fremder: Laß uns also noch näher an die noch nicht geprüften uns heranmachen. Da sind zuerst die welche an der Wahrsagekunst einen Teil einer dienenden Wissenschaft besitzen. Denn für Dolmetscher der Götter bei den Menschen werden sie ja gehalten?
Der jüngere Sokrates: Ja.
Fremder: Eben so dann auch das Geschlecht der Priester erst kundig, wie die bestehende Meinung sagt von unserer Seite Geschenke an Opfern für die Götter nach ihrem Sinne zu schenken, und von ihrer Seite uns durch Gebete den Besitz des Guten zu erflehen. Und dies sind doch wohl beides Teile einer dienenden Kunst?
Der jüngere Sokrates: Offenbar ja wohl.
Fremder: Endlich also scheinen wir doch nun eine Spur, der wir nachgehn können, gefaßt zu haben. Denn Priester und Wahrsager haben ja ein sehr verständiges Ansehn, und genießen einer hohen Achtung wegen der Wichtigkeit ihres Geschäftes. So daß in Ägypten kein König ohne Priestertum regieren darf; sondern wenn auch etwa einer aus einem andern Geschlecht die Regierung gewaltsam an sich gerissen hat, so muß er doch notwendig noch nachher in dies Geschlecht eingeweiht werden. Auch unter den Hellenen findet man häufig, daß den höchsten obrigkeitlichen Personen die wichtigsten solcher Opfer zu verrichten übertragen sind. Ja auch bei euch liegt ja dies nicht weniger zu Tage. Denn wen das Los zum Archon, der König genannt wird, macht, dem sagt man wären hier die feierlichsten und altväterlichsten Opfer übertragen.
Der jüngere Sokrates: Allerdings.
Fremder: Diese also, die durchs Los ernannten Könige und (291) die Priester und ihre Diener und noch eine große Menge Anderer die uns jetzt erschienen sind müssen wir betrachten, nach gänzlicher Absonderung aller vorigen.
Der jüngere Sokrates: Welche meinst du nur?
Fremder: Einige gar wunderliche.
Der jüngere Sokrates: Wie so?
Fremder: Ein gar vielstämmiges Geschlecht wie sich gleich auf den ersten Anblick zeigt. Denn viele der Männer gleichen den Löwen und Kentauren und anderen der Art; gar viele aber auch den Satyrn und den schwächeren aber gewandteren Tieren; oft verwandeln sie sich auch aus einer Gestalt und Eigenschaft in die andere. Kurz jetzt, o Sokrates, glaube ich die Männer endlich erblickt zu haben.
Der jüngere Sokrates: Sprich nur. Denn du scheinst etwas gar wunderliches zu sehen.
Fremder: Freilich; denn wunderliches kommt Allen aus der Unwissenheit her. Ist mir doch noch jetzt dasselbe gar plötzlich begegnet. Denn ich war ganz zweifelhaft als ich den Chor, der mit den Staatsangelegenheiten sich beschäftigt, erblickte.
Der jüngere Sokrates: Welchen doch?
Fremder: Den größten Tausendkünstler unter allen Sophisten und den erfahrensten in diesen Künsten, den wir, wie schwer er auch von den wahrhaft königlichen und Staatsmännern abzusondern sein mag, dennoch absondern müssen, wenn wir das gesuchte recht klar sehen wollen.
Der jüngere Sokrates: Davon dürfen wir aber doch auf keine Weise ablassen.
Fremder: Gewiß nicht, wenn es nach mir geht. Sage mir also dieses.
Der jüngere Sokrates: Was doch?
Fremder: Ist nicht die Monarchie eine von den Regierungen des Staates?
Der jüngere Sokrates: Ja.
Fremder: Und nach der Monarchie würde einer, glaube ich, die Obergewalt der Wenigen anführen.
Der jüngere Sokrates: Wie sollte er nicht?
Fremder: Und die dritte Gestalt der Staatsverfassung, ist das nicht die Regierung der Menge, welche Demokratie genannt wird?
Der jüngere Sokrates: Allerdings.
Fremder: Und werden diese nicht gewissermaßen aus dreien fünfe, wenn zwei davon sich aus sich selbst andere Namen hervorbringen?
Der jüngere Sokrates: Was für welche doch?
Fremder: Wenn man doch auf das gewaltsame und freiwillige sieht, auf Armut und Reichtum, auf Gesetz und Gesetzlosigkeit, welche darin Statt haben: so teilt man jede von den beiden in zweie, und benennt die Monarchie, als begriffe sie zwei Arten, mit zwei Namen, die Tyrannei die eine, die andere das Königtum.
Der jüngere Sokrates: Richtig.
Fremder: Und so auch den von Wenigen beherrschten Staat mit zwei Namen, Aristokratie und Oligarchie.
Der jüngere Sokrates: Allerdings.
Fremder: In der Demokratie aber mag nun mit Gewalt oder mit ihrem guten Willen die Menge über die welche das Vermögen in Händen haben regieren, und mag sie die Gesetze genau beobachten oder auch nicht; so pflegt sie doch niemals jemand mit einem anderen Namen zu benennen.
(292) Der jüngere Sokrates: Das ist wahr.
Fremder: Wie nun? Glauben wir nun irgend eine von diesen Staatsverfassungen sei richtig, in wie fern sie durch diese Bestimmungen bestimmt ist, durch die Anzahl, ob es Einer ist oder Wenige oder Viele, oder durch Armut und Reichtum, oder nach dem gewaltsamen und freiwilligen, und in wiefern sie schriftliche Satzungen hat oder ohne Gesetze besteht?
Der jüngere Sokrates: Warum nicht? und was sollte doch dagegen sein?
Fremder: Betrachte es nur genauer, indem du mir so folgst.
Der jüngere Sokrates: Wie doch?
Fremder: Ob wir bei dem anfänglich gesagten bleiben oder davon abgehn wollen?
Der jüngere Sokrates: Von welchem meinst du?
Fremder: Die königliche Regierung sagten wir sei eine Erkenntnis.
Der jüngere Sokrates: Ja.
Fremder: Und nicht nur so eine aus allen, sondern eine sondernde und vorstehende nahmen wir erst aus den anderen heraus?
Der jüngere Sokrates: Ja.
Fremder: Und aus der vorstehenden wiederum eine für unbeseelte Werke und eine für lebendige Wesen, und so sind wir immer weiter teilend bis hieher gekommen, ohne je die Erkenntnis fahren zu lassen, nur was für eine sie wäre, konnten wir immer noch nicht recht ausmitteln.
Der jüngere Sokrates: Richtig gesagt.
Fremder: Das sehen wir also doch, daß weder das Viele noch das Wenige noch das Freiwillige oder Unfreiwillige noch Reichtum oder Armut die Bestimmung darüber enthalten darf, sondern eine Erkenntnis muß es sein, wenn wir anders dem vorigen folgen wollen.
Der jüngere Sokrates: Daß wir das aber nicht tun sollten ist ganz unmöglich.
Fremder: Notwendig also müssen wir jetzt darauf Acht haben, in welcher von diesen nun wohl eine Erkenntnis sich finden kann über die Beherrschung der Menschen, die gewiß fast die schwierigste ist wie die wichtigste zu erwerben. Denn sie müssen wir sehen, um zu wissen was für Leute wir zu trennen haben von dem vernunftmäßigen Könige, als solche die sich zwar dafür ausgeben Staatsmänner zu sein, auch viele dessen überreden, es aber keinesweges sind.
Der jüngere Sokrates: Das müssen wir allerdings tun, wie auch unsere Rede uns schon vorher angedeutet hat.
Fremder: Meinst du nun etwa, die Menge im Staate sei im Stande diese Erkenntnis zu erlangen?
Der jüngere Sokrates: Wie sollte sie wohl!
Fremder: Aber in einer Stadt von tausend Männern könnten doch ihrer wohl hundert oder wenn auch nur fünfzig im Stande sein sie gründlich zu erwerben?
Der jüngere Sokrates: Die leichteste wäre sie dann wohl unter allen Künsten. Denn wir wissen ja daß unter tausend Männern nicht so viel von den übrigen in Hellas sich auszeichnende Brettspieler gefunden werden, geschweige denn Könige. Denn wer die königliche Kunst besitzt, den müssen wir, er mag nun regieren oder nicht, auch nach unserer vorigen Rede doch immer König nennen.
Fremder: Sehr gut erinnert. Und daraus, meine ich, folgt, (293) daß man die richtige Regierung bei Einem oder Zweien oder gar Wenigen suchen muß, wenn es eine richtige gibt.
Der jüngere Sokrates: Wie sollte man anders!
Fremder: Von diesen aber, mögen sie nun mit dem guten Willen der Beherrschten regieren oder wider ihren Willen, und nach geschriebenen Satzungen oder ohne solche, und dabei reich sein oder arm, müssen wir glauben, wie wir jetzt meinen, daß sie jegliche Regierung welche es auch sei nach der Kunst verwalten werden; so wie wir die Arzte nicht weniger dafür halten, sie mögen uns nun mit oder wider unsern Willen heilen, und dabei schneiden, brennen oder welchen Schmerz sonst uns zufügen, und mögen es nach geschriebenen Vorschriften tun oder ohne solche, und arm oder reich sein, in allen Fällen werden wir ihnen nichts desto weniger zugestehen daß sie Ärzte sind, so lange sie nur kunstgerecht dem Leibe vorstehn und ihn reinigen oder sonst irgendwie magerer machen oder auch fleischiger, wenn es nur zum Besten des Leibes geschieht um ihn besser zu machen aus einem schlechteren, und sie ihn, wie jeder der etwas pflegt sein zu pflegendes, erhalten. So werden wir sagen, denke ich, und nicht anders ergebe sich die richtige Bestimmung der ärztlichen und jeder anderen Aufsicht und Regierung.
Der jüngere Sokrates: Offenbar freilich.
Fremder: Notwendig ist also auch unter den Staatsverfassungen, wie es scheint, diejenige die richtige vor allen andern und einzige Staatsverfassung, in welcher man bei den Regierenden wahrhafte und nicht nur eingebildete Erkenntnis findet, mögen sie nun nach Gesetzen oder ohne Gesetze regieren und über Gutwillige oder Gezwungene und arm sein oder reich: denn hievon ist gar nichts niemals irgendwie für die Richtigkeit mit in Anschlag zu bringen.
Fremder: Und wenn sie auch Einige töten oder verjagen, und so zu seinem Besten den Staat reinigen, oder auch Kolonien wie die Schwärme der Bienen anderwärts hinsenden und ihn kleiner machen, oder Andere von außen her unter die Bürger aufnehmen und ihn größer machen, so lange sie nur Erkenntnis und Recht anwendend ihn erhalten und aus einem schlechten möglichst besser machen, werden wir immer nach diesen Bestimmungen diese Staatsverfassung für die einzig richtige erklären müssen. Die wir aber sonst so nennen, dürfen wir gar nicht für ächte und wahrhafte angeben, sondern für Nachahmerinnen jener, von denen die wohlgeordneten sie besser, die anderen schlechter nachahmen.
Der jüngere Sokrates: Das übrige, o Fremdling, scheint ganz untadelig gesagt, daß sie aber auch ohne Gesetze herrschen sollen, ist hart anzuhören.
Fremder: Du bist mir um ein weniges zuvorgekommen durch deine Frage, o Sokrates. Denn eben wollte ich dich dasselbe fragen, ob du mit allem zufrieden wärest, oder ob dir doch (294) etwas zuwider sei von dem Gesagten. Nun liegt ja schon zu Tage, daß wir werden durchgehen müssen, wie es wohl damit stehen mag, daß auch ohne Gesetze könne richtig regiert werden.
Der jüngere Sokrates: Freilich.
Fremder: Auf gewisse Weise nun ist wohl offenbar, daß zur königlichen Kunst die gesetzgebende gehört; das Beste aber ist, wenn nicht die Gesetze Macht haben, sondern der mit Einsicht königliche Mann. Weißt du weshalb?
Der jüngere Sokrates: Sage weshalb du meinst.
Fremder: Weil das Gesetz nicht im Stande ist das für Alle zuträglichste und gerechteste genau zu umfassen und so das wirklich beste zu befehlen. Denn die Unähnlichkeit der Menschen und der Handlungen, und daß niemals nichts so zu sagen Ruhe hält in den menschlichen Dingen, dies gestattet nicht, daß irgend eine Kunst in irgend etwas für Alle und zu aller Zeit einfach darstelle. Das geben wir doch wohl zu?
Der jüngere Sokrates: Wie sollten wir nicht!
Fremder: Das Gesetz aber sehen wir doch, daß es eben hiernach strebt, wie ein selbstgefälliger und ungelehriger Mensch, der nichts will anders als nach seiner eigenen Anordnung tun und auch Niemanden weiter anfragen lassen, auch nicht wenn jemanden etwas neues und besseres gekommen ist außer der Ordnung die er selbst festgestellt hat.
Der jüngere Sokrates: Richtig. Genau so wie du jetzt gesagt hast macht es das Gesetz uns Allen.
Fremder: Unmöglich also kann sich zu dem niemals einfachen das richtig verhalten, was durchaus einfach ist.
Der jüngere Sokrates: So scheint es.
Fremder: Weshalb es nun doch notwendig ist Gesetze zu geben, wenn gleich das Gesetz nicht das richtigste ist, wollen wir davon die Ursache aufspüren?
Der jüngere Sokrates: Allerdings.
Fremder: Es gibt doch auch bei Euch, wie auch in anderen Städten, Übungen vieler Menschen zusammen im Lauf oder sonst worin aus Wetteifer.
Der jüngere Sokrates: Gar viele freilich.
Fremder: Wohl! wiederholen wir uns also was die welche diese Übungen kunstmäßig verstehen darüber anordnen, wo sie zu gebieten haben.
Der jüngere Sokrates: Was doch?
Fremder: Sie glauben doch es sei nicht möglich sie ganz genau im einzelnen auszuarbeiten, so daß sie jedem besonders das für seinen Leib angemessenste aufgäben; sondern etwas mehr aus dem Groben glauben sie müsse man im Allgemeinen für Viele die Anordnung des dem Leibe zuträglichen abfassen.
Der jüngere Sokrates: Schön.
Fremder: Daher messen sie denn Allen insgesamt gleiche Anstrengungen zu, und lassen sie zugleich anfangen und zugleich auch wieder aufhören mit Laufen, Ringen und den übrigen Leibesübungen.
Der jüngere Sokrates: So ist es.
Fremder: So laß uns denn auch vom Gesetzgeber glauben, der seinen Herden vorstehen soll in Sachen des Rechtes und ihres gegenseitigen Verkehrs, daß er nicht im Stande sein werde, indem er allen insgesamt gebietet, jedem Einzelnen genau das Gebührende anzuweisen.
(295) Der jüngere Sokrates: Wahrscheinlich ist es wohl.
Fremder: Sondern nur so dem Haufen insgemein und im Ganzen genommen und mithin den Einzelnen nur gewissermaßen aus dem Groben wird er Gesetze geben, sowohl die er schriftlich abfaßt, als auch wenn er in ungeschriebenen vaterländischen Gebräuchen gesetzgebend ist.
Der jüngere Sokrates: Richtig.
Fremder: Richtig freilich. Denn wie wäre einer wohl im Stande, o Sokrates, sein ganzes Lebenlang für jeden Einzelnen da zu sitzen, um ihm mit aller Genauigkeit das Gebührliche anzuordnen? Denn könnte das freilich einer von denen welche die königliche Kunst besitzen: so würde er wohl bleiben lassen, meine ich, sich selbst Schranken zu setzen, indem er diese sogenannten Gesetze schriebe.
Der jüngere Sokrates: Nach dem vorhin Gesagten freilich, Fremdling.
Fremder: Und noch mehr wohl, o Bester, nach dem was wir noch sagen wollen.
Der jüngere Sokrates: Und was wäre das?
Fremder: Dieses. Laß uns bei uns selbst sprechen, wenn ein Arzt oder einer der den Leibesübungen vorsteht verreisen wollte, und, wie er glaubte, geraume Zeit von denen die er zu besorgen hat abwesend sein, und dabei nicht glaubte, daß die Übenden oder die Kranken seine Anordnungen im Gedächtnis behalten würden: so würde er sie ihnen ja wohl lieber aufschreiben? oder wie?
Der jüngere Sokrates: Gewiß.
Fremder: Und wie wenn gegen seine Meinung die Reise kürzer währte und er wiederkäme, dann sollte er es nicht wagen gegen dieses Aufgeschriebene anderes anzuordnen, wenn sich für die Kranken etwas anderes besser eignete etwa der Winde wegen, oder weil sonst etwas in der Witterung über Erwarten anders als gewöhnlich erfolgt wäre? sondern sollte dabei beharren und meinen, das ehemals gesetzlich vorgeschriebene dürfe nicht übertreten werden, weder von ihm indem er anderes verordnete, noch von dem Kranken indem der etwas anderes als aufgeschrieben ist zu tun wagte, weil dies nämlich das heilkundige und gesunde wäre, was aber davon abwiche schädlich sein müßte und nicht kunstmäßig? Oder würde nicht in jeder Wissenschaft und wahren Kunst, welche es auch sei, auf alle Weise das größte Gelächter entstehen über solche Gesetzgebungen?
Der jüngere Sokrates: Auf alle Weise freilich.
Fremder: Wenn aber was gerecht ist und ungerecht, schön und häßlich, gut und böse, einer aufgezeichnet oder auch unaufgezeichnet den Herden der Menschen vorgeschrieben hat, wie sie eben Staatenweise geweidet werden nach den Gesetzen derer, die dies aufgeschrieben, dem sollte es, wenn er selbst der es kunstgemäß abgefaßt hat oder ein anderer ähnlicher wiederkäme, nicht freistehn anderes von diesem (296) abweichend zu verordnen? Oder müßte nicht auch dies Verbot um nicht minder als jenes in Wahrheit lächerlich erscheinen?
Der jüngere Sokrates: Wie sollte es nicht?
Fremder: Weißt du auch was hierüber die Meisten zu sagen pflegen?
Der jüngere Sokrates: Ich entsinne mich wenigstens dessen jetzt gleich nicht so.
Fremder: Es klingt gar schön. Sie sagen nämlich, wer bessere als die bisherigen Gesetze wisse, der solle Gesetze geben, wenn er nämlich seinen Staat dazu überreden kann, sonst aber nicht.
Der jüngere Sokrates: Wie nun? ist das nicht recht?
Fremder: Vielleicht. Wenn aber nun Einer ohne zu überreden das bessere erzwingt, beantworte mir doch wie dieser Zwang heißen soll? Doch lieber noch nicht, sondern zuvor in dem vorigen.
Der jüngere Sokrates: Was meinst du doch?
Fremder: Wenn einer der seinen Kranken nicht überredet, aber die Kunst recht inne hat, ihn besseres als das Geschriebene zu tun nötiget, sei es nun ein Kind oder ein Mann oder ein Weib; welchen Namen soll wohl dieser Zwang erhalten? Nicht jeden andern eher als den womit das gegen die Kunst gefehlte genannt wird, das ungesunde? Und kann nicht, wer hiezu gezwungen worden ist, alles eher mit Recht sagen, nur nicht daß ihm ungesundes und kunstwidriges widerfahren sei von dem zwingenden Arzte?
Der jüngere Sokrates: Du hast vollkommen Recht.
Fremder: Wie heißt uns nun das gegen die Staatskunst gefehlte? Nicht das Schändliche, das Böse, das Ungerechte?
Der jüngere Sokrates: Allerdings.
Fremder: Die nun gezwungen werden gegen das Geschriebene und Hergebrachte anderes gerechteres, besseres und schöneres als das bisherige zu tun; sprich wenn diese sich nun über solchen Zwang beklagen wollen, und ihre Klage soll nicht die allerlächerlichste unter allen sein, muß sie nicht eher jedes andere aussagen, als daß den Gezwungenen schändliches und ungerechtes und Böses widerfahren wäre von den Zwingenden?
Der jüngere Sokrates: Vollkommen richtig.
Fremder: Oder ist etwa wenn der zwingende reich ist, dann das erzwungene recht, wenn aber arm, dann ungerecht? Oder muß nicht vielmehr, habe einer nun mit Überredung oder ohne Überredung, Reicher oder Armer, nach den Schriften oder gegen die Schriften das Zuträgliche getan, dies auch hier die richtigste Bestimmung sein für die rechte Einrichtung des Staates, wie der weise und gute Mann die Angelegenheiten der Beherrschten einrichten wird; so daß wie der Steuermann immer des Schiffes und der Schiffsgesellschaft Bestes wahrnehmend ohne Schriften auszustellen, sondern seine Kunst zum Gesetz machend seine Mitschiffenden erhält, (297) so auch auf die nämliche Weise bei denen die so zu regieren verstehen diese die rechte Staatsverfassung sein wird, welche die Kraft der Kunst höher stellt als die Gesetze? Und was auch die mit Einsicht Regierenden tun das ist ohne Fehl, so lange sie nur das Eine große bewahren, daß sie nach Vernunft und Kunst denen im Staate immer das gerechteste austeilend im Stande sind sie zu erhalten, und immer zum Besseren vom Schlechteren hinzuführen nach Vermögen.
Der jüngere Sokrates: Es ist nichts einzuwenden hiegegen.
Fremder: Aber auch wohl dagegen wird nichts aufzubringen sein?
Der jüngere Sokrates: Wogegen meinst du?
Fremder: Daß nie eine Menge, von was für Menschen es auch sei, zu dieser Erkenntnis gelangen und im Stande sein kann vernunftmäßig einen Staat zu verwalten; sondern nur unter Wenigen und bei geringer Zahl oder dem Einen muß man jene Eine richtige Staatsverfassung suchen, die übrigen aber nur als Nachahmungen setzen, wie auch vorher gesagt wurde, deren einige besser andere schlechter jene nachahmen.
Der jüngere Sokrates: Wie meintest du doch das? denn ich habe auch vorher das nicht recht verstanden von den Nachahmungen.
Fremder: Wäre das denn nicht gar arg, wenn Jemand einen solchen Gegenstand aufregte und dann wieder hinwürfe ohne ihn durchzuführen, bis er den jetzt darin begangenen Fehler aufzeigte?
Der jüngere Sokrates: Welchen doch?
Fremder: Einen solchen haben wir zu suchen, der uns gar nicht gewohnt ist noch auch leicht zu sehen; dennoch müssen wir versuchen ihn zu fassen. Wohlan denn, wenn uns dies die einzige richtige Staatsverfassung ist, die wir beschrieben haben, so weißt du wohl müssen sich die übrigen dadurch erhalten daß sie sich der Schriften von jener bedienen, indem sie das beobachten was jetzt gelobt wird, wiewohl es nicht das richtigste ist.
Der jüngere Sokrates: Was doch?
Fremder: Daß keiner im Staate sich untersteht irgend etwas gegen die Gesetze zu tun, und der es sich untersteht mit dem Tode und auf das allerhärteste bestraft wird. Und dies ist auch wirklich das richtigste und schönste als das zweite, nämlich wenn man das erste vorherbeschriebene bei Seite setzt. Wie nun aber dieses geworden ist, was wir als das zweite angenommen haben, das laß uns nun zu Ende bringen. Nicht wahr?
Der jüngere Sokrates: Allerdings.
Tuesday, April 28, 2009
Hesiodos
Zu der
Untugend
ists leicht auch Schaarenweise zu kommen,
Breit und glatt ist der Weg, und nur zu nahe ihr Wohnsitz;
Aber auf steile, mit saurem Schweiß nur erklimmbare Höhen
Haben die Götter die
Tugend
gesetzt, langwierig und rauh ist
Anfangs der Weg zu ihr; doch ist erstiegen der Gipfel,
Dann ist er leicht und freundlich zu gehn, so schwierig er erst war.
Friday, April 24, 2009
Ende?
Das Theater verwandelt sich in einen Hain.
Ganz im Hintergrunde der Buehne ist ein schoener Tempel,
worauf diese Worte stehen:
Tempel der Weisheit.
Dieser Tempel fuehrt mit Saeulen zu zwei anderen Tempeln,
rechts auf dem einen steht:
Tempel der Vernuft. Links steht: Tempel der Natur.
Drei Knaben fuehren Tamino herein.
8. Finale
DREI KNABEN:
Zum Ziele fuehrt dich diese Bahn,
Doch musst du, Juengling, maennlich siegen.
Drum hoere unsre Lehre an:
Sei standhaft, duldsam und verschwiegen!
TAMINO:
Ihr holden Kleinen, sagt mir an,
Ob ich Pamina retten kann?
DREI KNABEN:
Dies kundzutun, steht uns nicht an:
Sei standhaft, duldsam und verschwiegen!
Bedenke dies; kurz, sei ein Mann,
Dann, Juengling, wirst du maennlich siegen.
(Gehen ab.)
TAMINO:
Die Weisheitslehre dieser Knaben
Sei ewig mir ins Herz gegraben.
Wo bin ich nun? Was wird mit mir?
Ist dies der Sitz der Goetter hier?
Doch zeigen die Pforten, es zeigen die Saeulen,
Dass Klugheit und Arbeit und Kuenste hier weilen.
Wo Taetigkeit thronet und Muessiggang weicht.
Erhaelt seine Herrschaft das Laster nicht leicht.
Ich wage mich mutig zur Pforte hinein,
Die Absicht ist edel und lauter und rein.
Erzitt’re, feiger Boesewicht!
Pamina retten ist mir Pflicht.
(Er geht an die Pforte zur rechten Seite, macht sie auf,
und als er hinein will, hoert man unfern Stimmen)
STIMMEN:
Zurueck!
TAMINO:
Zurueck? Zurueck? So wag’ ich hier mein Glueck!
(Er geht zur linken Pforte. Stimmen von innen.)
STIMMEN:
Zurueck!
TAMINO:
Auch hier ruft man: Zurueck!
(Sieht sich um)
Da seh’ ich noch eine Tuer,
Vielleicht find’ ich den Eingang hier.
(Er klopft an der mittleren Pforte,
der Sprecher erscheint.)
DER SPRECHER:
Wo willst du, kuehner Fremdling, hin?
Was suchst du hier im Heiligtum?
TAMINO:
Der Lieb’ und Tugend Eigentum.
DER SPRECHER:
Die Worte sind von hohem Sinn!
Allein wie willst du diese finden?
Dich leitet Lieb’ und Tugend nicht,
Weil Tod und Rache dich entzuenden.
TAMINO:
Nur Rache fuer den Boesewicht.
DER SPRECHER:
Den wirst du wohl bei uns nicht finden.
TAMINO:
Sarastro herrscht in diesen Gruenden?
DER SPRECHER:
Ja, ja! Sarastro herrschet hier.
TAMINO:
Doch in dem Weisheitstempel nicht?
DER SPRECHER:
Er herrscht im Weisheitstempel hier!
TAMINO:
So ist denn alles Heuchelei!
(will gehen)
DER SPRECHER:
Willst du schon wieder gehn?
TAMINO:
Ja, ich will gehen, froh und frei,
Nie euren Tempel seh’n!
DER SPRECHER:
Erklaer dich naeher mir,
Dich taeuschet ein Betrug.
TAMINO:
Sarastro wohnet hier,
Das ist mir schon genug!
DER SPRECHER:
Wenn du dein Leben liebst,
So rede, bleibe da!
Sarastro hassest du?
TAMINO:
Ich hass ihn ewig, ja!
DER SPRECHER:
Nun gib mir deine Gruende an.
TAMINO:
Er ist ein Unmensch, ein Tyrann!
DER SPRECHER:
Ist das, was du gesagt, erwiesen?
TAMINO:
Durch ein ungluecklich Weib bewiesen,
Das Gram und Jammer niederdrueckt.
DER SPRECHER:
Ein Weib hat also dich berueckt?
Ein Weib tut wenig, plaudert viel.
Du, Juengling, glaubst dem Zungenspiel?
O legte doch Sarastro dir
Die Absicht seiner Handlung fuer!
TAMINO:
Die Absicht ist nur allzu klar!
Riss nicht der Raeuber ohn’ Erbarmen,
Pamina aus der Mutter Armen?
DER SPRECHER:
Ja, Juengling, was du sagst, ist wahr.
TAMINO:
Wo ist sie, die er uns geraubt?
Man opferte vielleicht sie schon?
DER SPRECHER:
Dir dies zu sagen, teurer Sohn,
Ist jetztund mir noch nicht erlaubt.
TAMINO:
Erklaer dies Raetsel, taeusch’ mich nicht!
DER SPRECHER:
Die Zunge bindet Eid und Pflicht.
TAMINO:
Wann also wird die Decke schwinden?
DER SPRECHER:
Sobald dich fuehrt der Freundschaft Hand
In’s Heiligtum zum ew’gen Band.
(Geht ab.)
TAMINO
(allein):
O ew’ge Nacht! Wann wirst du schwinden?
Wann wird das Licht mein Auge finden?
STIMMEN:
Bald, Juengling, oder nie!
TAMINO:
Bald, sagt ihr, oder nie?
Ihr Unsichtbaren, saget mir,
Lebt denn Pamina noch?
STIMMEN:
Pamina lebet noch!
TAMINO
(freudig):
Sie lebt! Ich danke euch dafuer.
(Er nimmt seine Floete heraus)
O wenn ich doch imstande waere,
Allmaechtige, zu eurer Ehre.
Mit jedem Tone meinen Dank
Zu schildern, wie er hier, entsprang.
(Aufs Herz deutend. Er spielt, sogleich kommen Tiere von allen
Arten hervor, ihm zuzuhoeren. Er hoert auf, und sie
fliehen. Die Voegel pfeifen dazu.)
Wie stark ist nicht dein Zauberton,
Weil, holde Floete, durch dein Spielen
Selbst wilde Tiere Freude fuehlen.
Doch Pamina, nur Pamina bleibt davon!
(Er spielt)
Pamina! Pamina! Hoere, hoere mich!
Umsonst!
(Er spielt)
Wo? Ach, wo find’ ich dich?
(Er spielt, Papageno antwortet von innen
mit seinem Floetchen.)
Ha, das ist Papagenos Ton!
(Er spielt. Papageno antwortet)
Vielleicht sah er Pamina schon,
Vielleicht eilt sie mit ihm zu mir!
Vielleicht fuehrt mich der Ton zu ihr.
(Er eilt ab. Papageno und Pamina eilen herbei.)
PAMINA, PAPAGENO:
Schnelle Fuesse, rascher Mut
Schuetzt vor Feindes List und Wut.
Faenden wir Tamino doch,
Sonst erwischen sie uns noch.
PAMINA:
Holder Juengling!
PAPAGENO:
Stille, stille, ich kann’s besser!
(Pfeift.)
BEIDE:
Welche Freude ist wohl groesser?
Freund Tamino hoert uns schon;
Hierher kam der Floetenton.
Welch ein Glueck, wenn ich ihn finde.
Nur geschwinde! Nur geschwinde!
(Wollen hineingehen. Monostatos tritt auf.)
MONOSTATOS
(ihrer spottend):
Nur geschwinde! Nur geschwinde!
Ha, hab’ ich euch noch erwischt?
Nur herbei mit Stahl und Eisen;
Wart’, ich will euch Mores weisen.
Den Monostatos beruecken!
Nur herbei mit Band und Stricken,
He, ihr Sklaven, kommt herbei!
(Sklaven kommen, mit Fesseln.)
PAMINA, PAPAGENO:
Ach, nun ist’s mit uns vorbei!
MONOSTATOS:
He, ihr Sklaven, kommt herbei!
PAPAGENO:
Wer viel wagt, gewinnt oft viel!
Komm, du schoenes Glockenspiel,
Lass die Gloeckchen klingen, klingen,
Dass die Ohren ihnen singen.
(Er spielt auf seinem Glockenspiel.
Sogleich tanzen und singen Monostatos und die Sklaven.)
MONOSTATOS, SKLAVEN:
Das klinget so herrlich,
Das klinget so schoen!
Larala la la larala la la larala!
Nie hab’ ich so etwas
Gehoert und geseh’n!
Larala la la larala la la larala!
(Sie gehen tanzend ab)
PAMINA, PAPAGENO:
Koennte jeder brave Mann
Solche Gloeckchen finden!
Seine Feinde wuerden dann
Ohne Muehe schwinden,
Und er lebte ohne sie
In der besten Harmonie!
Nur der Freundschaft Harmonie
Mildert die Beschwerden;
Ohne diese Sympathie
Ist kein Glueck auf Erden.
(Ein starker Marsch mit Trompeten und Pauken faellt ein)
CHOR
(von innen):
Es lebe Sarastro! Sarastro lebe!
PAPAGENO:
Was soll das bedeuten? Ich zittre, ich bebe!
PAMINA:
O Freund, nun ist’s um uns getan,
Dies kuendigt den Sarastro an!
PAPAGENO:
O waer ich eine Maus,
Wie wollt’ ich mich verstecken!
Waer ich so klein wie Schnecken,
So kroech’ ich in mein Haus!
Mein Kind, was werden wir nun sprechen?
PAMINA:
Die Wahrheit! Die Wahrheit,
Sei sie auch Verbrechen.
(Zug von Gefolge;
zuletzt faehrt Sarastro auf einem Triumphwagen heraus,
der von sechs Loewen gezogen wird.)
CHOR:
Es lebe Sarastro! Sarastro soll leben!
Er ist es, dem wir uns mit Freuden ergeben!
Stets moeg’ er des Lebens als Weiser sich freun,
Er ist unser Abgott, dem alle sich weihn.
PAMINA
(kniet):
Herr, ich bin zwar Verbrecherin,
Ich wollte deiner Macht entfliehn,
Allein die Schuld ist nicht an mir -
Der boese Mohr verlangte Liebe;
Darum, o Herr, entfloh ich dir.
SARASTRO:
Steh auf, erheitre dich, o Liebe!
Denn ohne erst in dich zu dringen,
Weiss ich von deinem Herzen mehr:
Du liebest einen andern sehr.
Zur Liebe will ich dich nicht zwingen,
Doch geb’ ich dir die Freiheit nicht.
PAMINA:
Mich rufet ja die Kindespflicht,
Denn meine Mutter -
SARASTRO:
Steht in meiner Macht.
Du wuerdest um dein Glueck gebracht,
Wenn ich dich ihren Haenden liesse.
PAMINA:
Mir klingt der Muttername suesse;
Sie ist es -
SARASTRO:
Und ein stolzes Weib!
Ein Mann muss eure Herzen leiten,
Denn ohne ihn pflegt jedes Weib
Aus ihrem Wirkungskreis zu schreiten.
(Monostatos fuehrt Tamino herein.)
MONOSTATOS:
Nun stolzer Juengling, nur hierher!
Hier ist Sarastro, unser Herr.
PAMINA
(sieht Tamino):
Er ist’s!
TAMINO
(sieht Pamina):
Sie ist’s!
PAMINA:
Ich glaub’ es kaum!
TAMINO:
Sie ist’s!
PAMINA:
Er ist’s!
TAMINO:
Es ist kein Traum!
PAMINA:
Es schling’ mein Arm sich um ihn her!
TAMINO:
Es schling’ mein Arm sich um sie her!
BEIDE:
Und wenn es auch mein Ende waer!
(Sie umarmen sich.)
ALLE:
Was soll das heissen?
MONOSTATOS:
Welch eine Dreistigkeit!
Gleich auseinander! Das geht zu weit!
(Er trennt sie; kniet dann vor Sarastro nieder.)
Dein Sklave liegt zu deinen Fuessen,
Lass den verwegnen Frevler buessen!
Bedenk, wie frech der Knabe ist:
Durch dieses seltnen Vogels List
Wollt er Pamina dir entfuehren.
Allein ich wusst’ ihn auszuspueren.
Du kennst mich! Meine Wachsamkeit-
SARASTRO:
Verdient, dass man ihr Lorbeer streut!
He, gebt dem Ehrenmann sogleich -
MONOSTATOS:
Schon deine Gnade macht mich reich.
SARASTRO:
Nur siebenundsiebenzig Sohlenstreich!
MONOSTATOS:
Ach Herr, den Lohn verhofft’ ich nicht!
SARASTRO:
Nicht Dank, es ist ja meine Pfticht!
(Monostatos wird abgefuehrt)
ALLE:
Es lebe Sarastro, der goettliche Weise!
Er lohnet und strafet in aehnlichem Kreise.
SARASTRO:
Fuehrt diese beiden Fremdlinge
In unsern Pruefungstempel ein;
Bedecket ihre Haeupter dann,
Sie muessen erst gereinigt sein.
(Der Sprecher und zwei Priester bringen eine Art Sack
und bedecken die Haeupter der beiden Fremden)
SCHLUSSCHOR:
Wenn Tugend und Gerechtigkeit
Den grossen Pfad mit Ruhm bestreut,
Dann ist die Erd’ ein Himmelreich,
Und Sterbliche den Goettern gleich.
Scene 1
Scene 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10
II. Aufzug
Das Theater is ein Palmenwald, alle Bäume sind silberartig,
die Blätter von Gold, 18 Sitze von Blättern. Auf einem jeden
Sitze steht eine Pyramide und ein großes, schwarzes Horn mit
Gold gefaßt. In der Mitte die größte Pyramide, auch
dir größten Bäume.
(Sarastro nebst anderen Priestern kommen in feierlichen
Schritten, jeder mit einem Palmenzweig in der Hand.
Ein Marsch mit Blasinstrumenten begleitet den Zug.)
9. Marsch der Priester
SARASTRO
(nach einer Pause):
Ihr, in dem Weisheitstempel eingeweihten
Diener der großen Götter Osiris und Isis!
Mit reiner Seele erklär’ ich euch, daß unsre heutige
Versammlung eine der wichtigsten unsrer Zeit ist.
Tamino, ein Königssohn,
will ins Heiligtum des größten Lichtes blicken.
Diesen Tugendhaften zu bewachten, ihm freundschaftlich die
Hand zu bieten, sei heute eine unsrer wichtigsten Pflichten.
Erster PRIESTER
(steht auf):
Er besitzt Tugend?
SARASTRO:
Tugend!
Zweiter PRIESTER:
Auch Verschwiegenheit?
SARASTRO:
Verschwiegenheit!
Dritter PRIESTER:
Ist wohltätig?
SARASTRO:
Wohltätig! Haltet ihr ihn für würdig, so folgt meinem Beispiele.
(Sie blasen dreimal in die Hörner.)
Gerührt über die Einigkeit eurer Herzen, dankt Sarastro
euch im Namen der Menschheit. Mag immer das Vorurteil seinen Tadel
über uns Eingeweihte auslassen! Jedoch, das böse Vorurteil
soll schwinden; und es wird schwinden, sobald Tamino selbst die
Größe unserer schweren Kunst besitzen wird. Pamina haben
die Götter dem holden Jüngling bestimmt; dies ist der Grund,
warum ich sie der stolzen Mutter entriß. Das Weib dünkt
sich groß zu sein; hofft durch Blendwerk und Aberglauben das
Volk zu berücken und unsern festen Tempelblau zu
zerstören. Allein, das soll sie nicht. Tamino, der holde
Jüngling, soll ihn mit uns befestigen und als Eingeweihter der
Tugend Lohn, dem Laster aber Strafe sein.
(Der dreimalige Akkord in den Hörnern wird von allen wiederholt.)
SPRECHER:
Großer Sarastro, wird Tamino auch die harten Prüfungen,
die seiner warten, bekämpfen? - Verzeih, daß ich so frei
bin, dir meinen Zweifel zu eröffnen! Mich bangt es um den
Jüngling - Er ist Prinz!
SARASTRO:
Noch mehr! Er ist Mensch!
SPRECHER:
Wenn es nur aber in seiner frühen Jugend leblos erblaßte?
SARASTRO:
Dann ist er Osiris und Isis gegeben und wird der Götter Freuden
früher fühlen als wir.
(Der dreimalige Akkord wird wiederholt)
Man führe Tamino mit seinem Reisegefährten
in den Vorhof des Tempels ein.
10. Arie mit Chor
SARASTRO:
O Isis und Osiris, schenket
Der Weisheit Geist dem neuen Paarl
Die ihr der Wand’rer Schritte lenket.
Stärkt mit Geduld sie in Gefahr.
CHOR:
Stärkt mit Geduld sie in Gefahr!
SARASTRO:
Laßt sie der Prüfung Früchte sehen;
Doch sollten sie zu Grabe gehen,
So lohnt der Tugend kühnen Lauf,
Nehmt sie in euren Wohnsitz auf.
CHOR:
Nehmt sie in euren Wohnsitz auf.
(Sarastro geht voraus, dann alle ihm nach - ab.)
Scene 2
Scene 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10
II. Aufzug
Nacht. Der Donner rollt von weitem.
Das Theater verwandelt sich in einen kurzen Vorhof des Tempels,
wo man Reste von eingefallenen Säulen und Pyramiden sieht,
nebst einigen Dornbüschen.
An beiden Seiten stehen praktikable hohe, altägyptische Türen,
welche mehr Seitengebäude vorstellen.
(Tamino und Papageno werden vom Sprecher
und dem andern Priester hereingeführt.
Die Priester lösen ihnen die Säcke ab und entfernen sich damit.)
Dialog
TAMINO:
Eine schreckliche Nacht! - Papageno, bist du noch bei mir?
PAPAGENO:
Ja, freilich!
TAMINO:
Wo denkst du, dass wir uns nun befinden?
PAPAGENO:
Wo? Ja, wenn’s nicht so finster wär, wollt’ ich
dir das schon sagen, aber so…
Oh!
(Donnerschlag.)
O weh!
TAMINO:
Was ist’s?
PAPAGENO:
Mir wird nicht wohl bei der Sache!
Ich glaube, ich bekomme ein kleines Fieber.
TAMINO:
Pfui, Papageno! Sei ein Mann!
PAPAGENO:
Aber ich wollt’, ich wär ein Mädchen!
(Ein sehr starker Donnerschlag.)
O! o! o! Das ist mein letzter Augenblick!
(Der Sprecher und der Zweite Priester
erscheinen mit Fackeln.)
SPRECHER:
Ihr Fremdlinge, was sucht oder fordert ihr von uns? Was treibt euch an,
in unsere Mauern zu dringen?
TAMINO:
Freundschaft und Liebe.
SPRECHER:
Bist du bereit, sie mit deinem Leben zu erkämpfen?
TAMINO:
Ja!
SPRECHER:
Prinz, noch ist’s Zeit zu weichen - einen Schritt weiter,
und es ist zu spät.
TAMINO:
Weisheitslehre sei mein Sieg; Pamina, das holde Mädchen, mein Lohn!
SPRECHER:
Du unterziehst dich jeder Prüfung dich?
TAMINO:
Jeder!
SPRECHER:
Reiche deine Hand mir!
(Sie reichen sich die Hände)
Zweiter PRIESTER
(zu Papageno):
Willst auch du dir Weisheitsliebe erkämpfen?
PAPAGENO:
Kämpfen ist meine Sache nicht. Ich verlang ja im Grunde auch gar
keine Weisheit. Ich bin so ein Naturmensch, der sich mit Schlaf,
Speise und Trank zufriedengibt. Und wenn es einmal sein könnte,
daß ich mir ein hübsches Weibchen fange…
Zweiter PRIESTER:
Die wirst du nie erhalten, wenn du dich nicht
unseren Prüfungen unterziehst.
PAPAGENO:
Und worin bestehen diese Prüfungen?
Zweiter PRIESTER:
Dich allen unseren Gesetzen zu unterwerfen,
selbst den Tod nicht zu scheuen.
PAPAGENO:
Ich bleibe ledig!
Zweiter PRIESTER:
Aber wenn du dir ein tugenhaftes,
schönes Mädchen erwerben könntest?
PAPAGENO:
Ich bleibe ledig!
Zweiter PRIESTER:
Wenn nun aber Sarastro dir ein Mädchen aufbewahrt hätte,
das an Farbe und Kleidung dir ganz gleich wäre?
PAPAGENO:
Mir ganz gleich? Ist sie jung?
Zweiter PRIESTER:
Jung und schön!
PAPAGENO:
Und heißt?
Zweiter PRIESTER:
Papagena.
PAPAGENO:
Wie? Papa-
Zweiter PRIESTER:
Papagena.
PAPAGENO:
Papagen? - Haha, die möcht ich aus bloßer Neugierde
schon sehen.
Zweiter PRIESTER:
Sehen kannst du sie!
PAPAGENO:
Aber wenn ich sie gesehen habe, hernach muß ich sterben?
Zweiter PRIESTER:
Hmmmmmm…
(Macht eine zweideutige Pantomime.)
PAPAGENO:
- Ich bleibe ledig!
Zweiter PRIESTER:
Sehen kannst du sie, aber bis zur verlaufenen Zeit kein Wort
mit ihr sprechen; wird dein Geist so viel Standhaftigkeit besitzen,
deine Zunge in Schranken zu halten?
PAPAGENO:
O ja!
Zweiter PRIESTER:
Deine Hand! Du sollst sie sehen.
SPRECHER
(zu Tamino):
Auch dir, Prinz, legen die Götter ein heilsames Stillschweigen
auf; ohne dieses seid ihr beide verloren. Du wirst Pamina sehen, aber
nie sie sprechen dürfen; dies ist der Anfang eurer Prüfungszeit.
11. Duett
Beide PRIESTER:
Bewahret euch vor Weibertücken:
Dies ist des Bundes erste Pflicht.
Manch weiser Mann ließ sich berücken,
Er fehlte und versah sich’s nicht.
Verlassen sah er sich am Ende,
Vergolten seine Treu’ mit Hohn.
Vergebens rang er seine Hände,
Tod und Verzweiflung war sein Lohn.
(Beide Priester ab. Plötzlich ist es dunkel.)
Dialog
PAPAGENO:
He, Lichter her! Lichter her! - Das ist doch wunderlich, so oft einen
die Herrn verlassen, sieht man mit offenen Augen nichts.
TAMINO:
Ertrag es mit Geduld, und denke, es ist der Götter Wille.
(Die Drei Damen kommen aus der Versenkung.)
12. Quintett
DREI DAMEN:
Wie, wie, wie?
Ihr an diesem Schreckensort?
Nie, nie, nie
Kommt ihr wieder glücklich fort!
Tamino, dir ist Tod geschworen!
Du, Papageno, bist verloren!
PAPAGENO:
Nein, nein, das wär’ zu viel.
TAMINO:
Papageno, schweige still!
Willst du dein Gelübde brechen,
Nicht mit Weibern hier zu sprechen?
PAPAGENO:
Du hörst ja, wir sind beide hin.
TAMINO:
Stille, sag ich, schweige still!
PAPAGENO:
Immer still, und immer still!
DREI DAMEN:
Ganz nah’ ist euch die Königin!
Sie drang im Tempel heimlich ein.
PAPAGENO:
Wie? Was? Sie soll im Tempel sein?
TAMINO:
Stille, sag’ ich, schweige still!
Wirst du immer so vermessen
Deiner Eidespflicht vergessen?
DREI DAMEN:
Tamino, hör’! Du bist verloren!
Gedenke an die Königin!
Man zischelt viel sich in die Ohren
Von dieser Priester falschem Sinn.
TAMINO
(für sich):
Ein Weiser prüft und achtet nicht,
Was der gemeine Pöbel spricht.
DREI DAMEN:
Man zischelt viel sich in die Ohren
Von dieser Priester falschem Sinn.
Man sagt, wer ihrem Bunde schwört,
Der fährt zur Höll’ mit Haut und Haar.
PAPAGENO:
Das wär’, beim Teufel, unerhört!
Sag’ an, Tamino, ist das wahr?
TAMINO:
Geschwätz, von Weibern nachgesagt,
Von Heuchlern aber ausgedacht.
PAPAGENO:
Doch sagt es auch die Königin.
TAMINO:
Sie ist ein Weib, hat Weibersinn.
Sei still, mein Wort sei dir genug:
Denk’ deiner Pflicht und handle klug.
DREI DAMEN
(zu Tamino):
Warum bist du mit uns so spröde?
(Tamino deutet bescheiden, daß er nicht sprechen darf.)
Auch Papageno schweigt - so rede!
PAPAGENO:
Ich möchte gerne - woll…
TAMINO:
Still!
PAPAGENO:
Ihr seht, daß ich nicht kann das Plaudern lassen,
Ist wahrlich eine Schand’ für mich!
TAMINO:
Daß du nicht kannst das Plaudern lassen,
Ist wahrlich eine Schand’ für dich!
ALLE 5:
Wir/Sie müßen sie/uns mit Scham verlassen,
Es plaudert keiner sicherlich.
Von festem Geiste ist ein Mann,
Er denket, was er sprechen kann.
(Die Drei Damen wollen gehen, die Eingeweihten rufen von innen.)
PRIESTER:
Entweiht ist die heilige Schwelle!
Hinab mit den Weibern zur Hölle!
(Ein schrecklicher Akkord mit allen Instrumenten, Donner,
Blitz und Schlag, zugleich zwei starke Donner.)
DREI DAMEN:
O weh! O weh! O weh!
(Sie stürzen in die Versenkung.)
PAPAGENO
(fällt vor Schrecken zu Boden):
O weh, o weh, o weh!
(Der Sprecher und Priester treten mit Fackelnb ein.)
Dialog
SPRECHER:
Jüngling! Dein standhaft männliches Betragen hat gesiegt.
Wir wollen also mit reinem Herzen unsere Wanderschaft
weiter fortsetzen.
(Er gibt ihm den Sack um.)
So! Nun komm!
(Er geht mit Tamino ab.)
Zweiter PRIESTER:
Was seh ich, Freund! Stehe auf! Wie ist dir?
PAPAGENO:
Ich lieg’ in einer Ohnmacht!
Zweiter PRIESTER:
Auf! Sammle dich, und sei ein Mann!
PAPAGENO
(steht auf):
Aber sagt mir nur, meine lieben Herren, warum muß ich denn alle
diese Qualen und Schrecken empfinden? Wenn mir ja die Götter
eine Papagena bestimmten, warum denn mit so viel Gefahren sie erringen?
Zweiter PRIESTER:
Diese neugierige Frage mag deine Vernunfh dir beantworten. Komm!
Meine Pflicht ist allein, dich weiterzuführen.
(Er gibt ihm den Sack um.)
PAPAGENO:
Bei so einer ewigen Wanderschaft, da möcht’ einem wohl die Liebe
auf immer vergehen.
(Der Zweiter Priester geht mit ihm ab.)
Scene 3
Scene 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10
II. Aufzug
Das Theater verwandelt sich in einen angenehmen Garten;
Bäume, die nach Art eines Hufeisens gesetzt sind;
in der Mitte steht eine Laube von Blumen und Rosen,
worin Pamina schläft.
Der Mond beleuchtet ihr Gesicht. Ganz vor steht eine Rasenbank.
(Monostatos kommt, setzt sich nach einer Pause.)
MONOSTATOS:
Ha, da find’ ich ja die spröde Schöne! Welcher
Mensch würde bei so einem Anblick kalt und unempfindlich bleiben?
Das Feuer, das in mir glimmt, wird mich noch verzehren!
Wenn ich wüßte - daß ich so ganz allein
und unbelauscht wäre - ich wagte es noch einmal.
(Er macht sich Wind mit beiden Händen.)
Das Mädchen wird noch um meinen Verstand mich bringen.
(Er sieht sich allenthalben um.)
Es ist doch eine verdammte närrische Sache um die Liebe!
Ein Küßchen, dächte ich, ließe sich entschuldigen.
13. Arie
MONOSTATOS:
Alles fühlt der Liebe Freuden,
Schnäbelt, tändelt, herzt und küßt;
Und ich sollt’ die Liebe meiden,
Weil ein Schwarzer häßlich ist!
Ist mir denn kein Herz gegeben?
Bin ich nicht von Fleisch und Blut?
Immer ohne Weibchen leben,
Wäre wahrlich Höllenglut!
Drum so will ich, weil ich lebe,
Schnäbeln, küssen, zärtlich sein!
Lieber guter Mond, vergebe,
Eine Weiße nahm mich ein.
Weiß ist schön! Ich muß sie küssen;
Mond, verstecke dich dazu!
Sollt’ es dich zu sehr verdrießen,
O so mach’ die Augen zu!
(Er schleicht langsam und leise hin.
Die Königin der Nacht kommt unter Donner aus der mittleren Versenkung,
und so, daß sie gerade vor Pamina zu stehen kommt.)
Dialog
KOENIGIN:
Zurücke!
PAMINA
(erwacht):
Ihr Götter!
MONOSTATOS
(prallt zurück):
O weh! Das ist - die Göttin der Nacht!
(steht ganz still)
PAMINA:
Mutter!
(Sie fällt ihr in die Arme)
MONOSTATOS:
Mutter? Hm, das muß man von weitem belauschen.
(Er schleicht ab.)
KOENIGIN:
Wo ist der Jüngling, den ich an dich sandte?
PAMINA:
Er hat sich den Eingeweihten gewidmet.
KOENIGIN:
Unglückliche Tochter, nun bist du auf ewig mir entrissen.
PAMINA:
Entrissen? O fliehen wir, liebe Mutter!
Unter deinem Schutz trotz’ ich jeder Gefahr.
KOENIGIN:
Schutz? Liebes Kind, deine Mutter kann dich nicht mehr
schützen. Mit deines Vaters Tod ging meine Macht zu Grabe.
Übergab freiwillig den siebenfachen Sonnenkreis den Eingeweihten;
diesen mächtigen Sonnenkreis trägt Sarastro auf seiner Brust.
(zieht einen Dolch hervor)
Siehst du hier diesen Stahl? Er ist für Sarastro geschliffen.
Du wirst ihn töten und den mächtigen Sonnenkreis
mir überliefern.
(Sie dringt ihr den Dolch auf.)
PAMINA:
Aber, liebste Mutter! -
KOENIGIN:
Kein Wort!
14. Arie
KOENIGIN:
Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen,
Tod und Verzweiflung flammet um mich her!
Fühlt nicht durch dich Sarastro Todesschmerzen,
So bist du meine Tochter nimmermehr.
Verstoßen sei auf ewig, verlassen sei auf ewig.
Zertrümmert sei’n auf ewig alle Bande der Natur,
Wenn nicht durch dich Sarastro wird erblassen!
Hört, Rachegötter, hört der Mutter Schwur!
(Sie versinkt mitten in Donner und Blitz.)
PAMINA
(mit dem Dolch in der Hand):
Morden soll ich? - Götter, das kann ich nicht!
Götter, was soll ich tun?
MONOSTATOS
(kommt schnell, heimlich und freudig):
Dich mir anvertrauen.
PAMINA:
Ha!
MONOSTATOS:
Warum zitterst du? Vor meiner schwarzen Farbe,
oder vor dem ausgedachten Mord?
PAMINA
(schüchtern):
Du weißt also? -
MONOSTATOS:
Alles. - Du hast also nur einen Weg,
dich und deine Mutter zu retten.
PAMINA:
Der wäre?
MONOSTATOS:
Mich zu lieben! Ja oder nein?
PAMINA
(entschlossen):
Nein!
MONOSTATOS
(voll Zorn):
Nein? Liebe oder Tod!
PAMINA
(entschlossen):
Nie!
(Sarastro tritt auf.)
MONOSTATOS
(erhebt den Dolch):
So fahre denn hin!
SARASTRO
(hält ihn schnell ab):
Monostatos!
MONOSTATOS:
Herr, man hat deinen Tod geschworen,
darum wollt’ ich dich rächen.
SARASTRO:
Ich weiß nur allzuviel. Ich weiß, daß deine Seele
ebenso schwarz als dein Gesicht ist. Geh!
MONOSTATOS
(im Abgehen):
Jetzt such’ ich die Mutter auf, weil mir die Tochter nicht beschieden ist.
(Geht ab.)
PAMINA:
Herr, strafe meine Mutter nicht! Der Schmerz über meine Abwesenheit…
SARASTRO:
Ich weiß alles. - Weiß, daß sie in unterirdischen
Gemächern des Tempels herumirrt und Rache über mich
und die Menschheit kocht; allein, du sollst sehen,
wie ich mich an deiner Mutter räche.
15. Arie
SARASTRO:
In diesen heil’gen Hallen
Kennt man die Rache nicht,
Und ist ein Mensch gefallen,
Führt Liebe ihn zur Pflicht.
Dann wandelt er an Freundes Hand
Vergnügt und froh in’s bess’re Land.
In diesen heil’gen Mauern,
Wo Mensch den Menschen liebt,
Kann kein Verräter lauern,
Weil man dem Feind vergibt.
Wen solche Lehren nicht erfreun,
Verdienet nicht ein Mensch zu sein.
(Gehen beide ab.)
Scene 4
Scene 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10
II. Aufzug
Das Theater verwandelt sich in eine Halle, wo das Flugwerk gehen kann.
Das Flugwerk ist mit Rosen und Blumen umgeben,
wo sich sodann eine Türe öffnet. Ganz vorne sind zwei Rasenbänke.
(Tamino und Papageno werden ohne Säcke
von den zwei Priestern hereingeführt.)
Dialog
SPRECHER:
Hier seid ihr euch beide allein überlassen. Sobald die Posaune
tönt, dann nehmt ihr euren Weg dahin. Prinz, lebt wohl!
Noch einmal, vergeßt das Wort nicht: Schweigen.
(Geht ab.)
Zweiter PRIESTER:
Papageno, wer an diesem Ort sein Stillschweigen bricht,
den strafen die Götter durch Donner und Blitz. Leb wohl!
(Geht ab.)
(Tamino setzt sich auf eine Rasenbank.)
PAPAGENO
(nach einer Pause):
Tamino!
TAMINO
(verweisend):
St!
PAPAGENO:
Das ist ein lustiges Leben! Wär’ ich lieber in meiner
Strohhütte, oder im Wald, da hör ich doch noch manchmal
einen Vogel pfeifen.
TAMINO
(verweisend):
St!
PAPAGENO:
Also, mit mir selber werd ich ja vielleicht noch reden dürfen;
und auch wir zwei, wir können miteinander sprechen,
wir sind ja Männer. La la la-la la la!
TAMINO
(verweisend):
St!
PAPAGENO
(pfeift):
Nicht einmal einen Tropfen Wasser bekommt man bei diesen Leuten;
viel weniger sonst was.
(Ein altes häßliches Weib kommt aus der Versenkung,
hält auf einer Tasse einen großen Becher Wasser.)
PAPAGENO
(sieht sie lang an):
Ist das für mich?
ALTES WEIB:
Ja, mein Engel!
PAPAGENO
(sieht sie wieder an, trinkt):
Wasser! Nicht mehr und nicht weniger als Wasser.
Sag du mir, du unbekannte Schöne,
werden alle fremden Gäste auf diese Art bewirtet?
ALTES WEIB:
Freilich, mein Engel!
PAPAGENO:
So, so! - Auf diese Art werden die Fremden auch nicht gar
Zu häufig kommen.
ALTES WEIB:
Sehr wenig.
PAPAGENO:
Das kann ich mir denken. Geh, komm, Alte, setze dich ein bisser! her
zu mir, mir ist die Zeit verdammt lang. Sag du mir, wie alt bist denn du?
ALTES WEIB:
Wie alt?
PAPAGENO:
Ja!
ALTES WEIB:
Achtzehn Jahr und zwei Minuten.
PAPAGENO:
Achtzig Jahr?
ALTES WEIB:
Achtzehn Jahr und zwei Minuten.
PAPAGENO:
Achtzehn Jahr und zwei Minuten?
ALTES WEIB:
Ja!
PAPAGENO:
Ha ha ha! - Ei, du junger Engel! Sag mal,
hast du auch einen Geliebten?
ALTES WEIB:
Ei, freilich, mein Engel!
PAPAGENO:
Ist er auch so jung wie du?
ALTES WEIB:
Nicht gar, er ist um zehn Jahre älter.
PAPAGENO:
Was, um zehn Jahre ist der noch älter als du? Das muß
ja eine feurige Liebe sein! Und wie nennt sich denn dein Liebhaber?
ALTES WEIB
Papageno!
PAPAGENO:
Papageno? Wo ist er denn, dieser Papageno?
ALTES WEIB
Da sitzt er, mein Engel!
PAPAGENO:
Was, ich wär dein Geliebter?
ALTES WEIB
Ja, mein Engel!
PAPAGENO
(nimmt schnell das Wasser und spritzt sie ins Gesicht):
Sag du mir, wie heißt du denn?
ALTES WEIB
Ich heiße -
(Die Alte hint schnell ab)
PAPAGENO:
Oh!
(Tamino steht auf, droht ihm mit dem Finger.)
Nun sprech’ ich aber kein Wort mehr!
(Die Drei Knaben kommen in einem mit Rosen bedeckten
Flugwerk. In der Mitte steht ein schön gedeckter Tisch.
Der eine hat die Flöte, der andere das Kätschen mit Glöckchen.)
16. Terzett
DREI KNABEN:
Seid uns zum zweitenmal willkommen,
Ihr Männer, in Sarastros Reich,
Er schickt, was man euch abgenommen,
Die Flöte und die Glöckchen euch.
Wollt ihr die Speisen nicht verschmähen,
So esset, trinket froh davon.
Wenn wir zum drittenmal uns sehen,
Ist Freude eures Mutes Lohn.
Tamino, Mut! Nah ist das Ziel.
Du, Papageno, schweige still!
(Unter dem Terzett setzen sie den Tisch in die Mitte
und fliegen auf.)
Dialog
PAPAGENO:
Tamino, wollen wir nicht speisen?
(Tamino bläst uaf seiner Flöte)
Blase du nur fort auf deiner Flöte, ich will meine Brocken
blasen. Herr Sarastro führt eine gute Küche. Auf die Art,
ja, da will ich schon schweigen,
wenn ich immer solche gute Bissen bekomme.
Nun, ich will sehen, ob auch der Keller so gut bestellt ist.
(Er trinkt.)
Ha! Das ist Götterwein!
(Die Flöte schweigt.)
PAMINA
(freudig eintretend):
Du hier? Gütige Götter! Dank euch! Ich hörte
deine Flöte - und so lief ich pfeilschnell dem Tone nach.
Aber du bist traurig? Sprichst nicht eine Silbe mit deiner
TAMINO
(seufzt)
Ah!
(Winkt ihr fortzugehen.)
PAMINA:
Ich soll dich meiden? Ich soll dich fliehen, ohne zu wissen, warum?
Tamino, liebst du mich nicht mehr? - Papageno, sage du mir, sag, was
ist meinem Freund?
(Papageno hat einen Brocken in dem Mund,
hält mit beiden Händen die Speisen zu,
winkt fortzugehen.)
PAMINA:
Wie? Auch du schweigst? O, das ist mehr als Tod!
Liebster, einziger Tamino!
17. Arie
PAMINA:
Ach, ich fühl’s, es ist verschwunden,
Ewig hin der Liebe Glück!
Nimmer kommt ihr Wonnestunden
Meinem Herzen mehr zurück!
Sieh’, Tamino, diese Tränen,
Fließen, Trauter, dir allein!
Fühlst du nicht der Liebe Sehnen,
So wird Ruh’ im Tode sein!
(Sie geht traurig ab.)
PAPAGENO
(ißt hastig):
Nicht wahr, Tamino, ich kann auch schweigen, wenn’s sein muß. -
Ja; bei so einem Unternehmen, da bin ich ein Mann.
(Er trinkt.)
Der Koch und der Kellermeister sollen leben.
(Dreimaliger Posaunenton. Tamino winkt Papageno,
daß er gehen soll.)
Geh du nur voraus, ich komm dann schon nach.
(Tamino will ihn mit Gewalt fortführen.)
Nein! Der Stärkere bleibt da!
(dreimaliger Posaunenton)
Aha, das geht uns an.
(ruft)
Wir kommen schon. - Aber hör mal, Tamino, was wird denn noch
alles mit uns werden?
(Tamino deutet gen Himmel.)
Ach, du meinst, die Götter soll ich fragen?
(Tamino deutet ja.)
Ja, die könnten uns freilich mehr sagen, als wir wissen!
(Dreimaliger Posaunenton. Tamino reißt ihn mit Gewalt fort.)
Wile nur nicht so, wir kommen noch immer zeitlich genug,
um uns braten zu lassen.
(Ab.)
Scene 5
Scene 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10
II. Aufzug
Das Theater verwandelt sich in das Gewölbe von Pyramiden.
(Der Sprecher und einige Priester treten auf. Zwei Priester
tragen eine erleuchtete Pyramide auf den Schultern;
jeder Priester hat eine transparente Pyramide
in der Größe einer Laterne in der Hand.
Achtzehn Priester in Form eines Dreiecks zu je 6 aufgestellt.)
18. Chor
CHOR der PRIESTER:
O Isis und Osiris, welche Wonne!
Die düst’re Nacht verscheucht der Glanz der Sonne.
Bald fühlt der edle Jüngling neues Leben:
Bald ist er unserm Dienste ganz ergeben.
Sein Geist ist kühn, sein Herz ist rein,
Bald wird er unser würdig sein.
(Tamino wird hereingeführt.)
Dialog
SARASTRO:
Prinz, dein Betragen war bis hierher männlich und gelassen;
nun hast du noch zwei gefährliche Wege zu wandern. Schlägt
dein Herz noch ebenso warm für Pamina, und wünschest du einst
als ein weiser Fürst zu regieren, so mögen die Götter
dich ferner begleiten. - Deine Hand. - Man bringe Pamina!
(Eine Stille herrscht bei allen Priestern; Pamina wird
mit eben diesem Sack, welcher die Eingeweihten bedeckt,
hereingeführt; Sarastro löst die Bande am Sacke auf.)
PAMINA:
Wo bin ich? - Welch eine fürchterliche Stille! - Wo ist Tamino?
SARASTRO:
Er wartet deiner, um dir das letzte Lebewohl zu sagen.
PAMINA:
Das letzte Lebewohl? O wo ist er?
SARASTRO:
Hier!
PAMINA:
Tamino!
TAMINO:
Zurück!
19. Terzett
PAMINA:
Soll ich dich, Teurer, nicht mehr seh’n?
SARASTRO:
Ihr werdet froh euch wiedersehn!
PAMINA:
Dein warten tödliche Gefahren!
TAMINO:
Die Götter mögen mich bewahren!
PAMINA:
Dein warten tödliche Gefahren!
TAMINO, SARASTRO:
Die Götter mögen mich/ihn bewahren!
PAMINA:
Du wirst dem Tode nicht entgehen,
Mir flüstert dieses Ahnung ein.
TAMINO, SARASTRO:
Der Götter Wille mag geschehen,
Ihr Wink soll mir/ihm Gesetze sein!
PAMINA:
O liebtest du, wie ich dich liebe,
Du würdest nicht so ruhig sein.
TAMINO, SARASTRO:
Glaub mir, ich/er fühle/fühlet gleiche Triebe,
Werd’/Wird ewig dein Getreuer sein.
SARASTRO:
Die Stunde schlägt, nun müßt ihr scheiden!
PAMINA, TAMINO:
Wie bitter sind der Trennung Leiden!
SARASTRO:
Tamino muß nun wieder fort.
TAMINO:
Pamina, ich muß wirklich fort!
PAMINA:
Tamino muß nun wirklich fort?
SARASTRO:
Nun muß er fort!
TAMINO:
Nun muß ich fort.
PAMINA:
So mußt du fort!
TAMINO:
Pamina, lebe wohl!
PAMINA:
Tamino, lebe wohl!
SARASTRO:
Nun eile fort. Dich ruft dein Wort.
Die Stunde schlägt, wir sehn uns wieder!
TAMINO, PAMINA:
Ach, gold’ne Ruhe, kehre wieder!
Lebe wohl! Lebe wohl!
(Entfernen sich)
Scene 6
Scene 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10
II. Aufzug
Das Theater verwandelt sich in einen Saal mit vielen Türen.
Dialog
PAPAGENO
(von aussen):
Tamino! Tamino! Willst du mich denn gänzlich verlassen?
(Er sucht herein.)
Wenn ich nur wenigstens wüßte, wo ich wäre. - Tamino!
Tamino, solang ich lebe, geh’ ich nicht mehr von dir!
Aber dies einmal verlaß mich armen Reisegefährten nicht!
(Er kommt an die Türe, wo Tamino abgeführt worden ist.)
EINE STIMME
(ruft):
Zurück!
PAPAGENO:
Barmherzige Götter! Wo wend’ ich mich hin! Wenn ich nur
wüßte, wo ich hereinkam. Tamino!
(Er kommt an die Türe, wo er hereinkam)
EINE STIMME:
Zurück!
PAPAGENO:
Nun kann ich weder vorwärts noch zurück!
(weint)
Und muß am Ende gar verhungern. -
Geschieht mir schon recht! –
Warum bin ich denn auch mitgereist?
(Der Sprecher tritt ihm entgegen)
SPRECHER:
Mensch! Du hättest verdient, auf immer in finsteren Klüften
der Erde zu wandern; die gütigen Götter aber entlassen dich
der Strafe dich. Dafür aber wirst du das himmlische
Vergnügen der Eingeweihten nie fühlen.
PAPAGENO:
Je nun, es gibt ja noch andere Leute meinesgleichen! –
Mir wäre jetzt ein gutes Glas Wein das größte Vergnügen.
DER SPRECHER:
Sonst hast du keinen Wunsch in dieser Welt?
PAPAGENO:
Bis jetzt nicht.
DER SPRECHER:
Man wird dich damit bedienen!
(Ab. Sogleich kommt ein großer Becher,
mit rotem Weln angefüllt, aus der Erde.)
PAPAGENO:
Ach! Da ist er ja schon!
(trinkt)
Herrlich! Himmlisch! Göttlich! - Ha! Ich bin jetzt so vergnügt,
daß ich bis zur Sonne fliegen könnte,
wenn ich Flügel hätte! Ha! Mir wird so wunderlich ums Herz!
Ich möchte - ich wünschte - ja, was denn?
20. Arie
PAPAGENO
(schlägt sein Glockenspiel):
Ein Mädchen oder Weibchen
Wünscht Papageno sich!
O so ein sanftes Täubchen
Wär’ Seligkeit für mich!
Dann schmeckte mir Trinken und Essen,
Dann könnt’ ich mit Fürsten mich messen,
Des Lebens als Weiser mich freun,
Und wie im Elysium sein!
Ein Mädchen oder Weibchen
Wünscht Papageno sich!
O so ein sanftes Täubchen
Wär’ Seligkeit für mich!
Ach, kann ich denn keiner von allen
Den reizenden Mädchen gefallen?
Helf’ eine mir nur aus der Not,
Sonst gräm’ ich mich wahrlich zu Tod!
Ein Mädchen oder Weibchen
Wünscht Papageno sich!
O so ein sanftes Täubchen
Wär’ Seligkeit für mich!
Wird keine mir Liebe gewähren,
So muß mich die Flamme verzehren!
Doch küßt mich ein weiblicher Mund,
So bin ich schon wieder gesund!
(Die Alte, tanzend und auf ihren Stock
dabei sich stützend, kommt herein.)
Dialog
ALTES WEIB
Da bin ich schon, mein Engel!
PAPAGENO:
Was, du hast dich meiner erbarmt?
ALTES WEIB
Ja, mein Engel!
PAPAGENO:
Na, das ist ein Glück!
ALTES WEIB
Und wenn du mir versprichst, mir ewig treu zu bleiben,
dann sollst du sehen, wie zärtlich dein Weibchen dich lieben wird.
PAPAGENO:
Ei, du zärtliches Närrchen!
ALTES WEIB
O. wie will ich dich umarmen, dich liebkosen,
dich an mein Herz drücken!
PAPAGENO:
Auch ans Herz drücken?
ALTES WEIB
Komm, reich mir zum Pfand unsers Bundes deine Hand!
PAPAGENO:
Nur nicht so hastig, mein lieber Engel! So ein Bündnis braucht
doch auch seine Überlegung.
ALTES WEIB
Papageno, ich rate dir, zaudre nicht! - Deine Hand,
oder du bist auf immer hier eingekerkert.
PAPAGENO:
Eingekerkert?
ALTES WEIB
Wasser und Brot wird deine tägliche Kost sein. Ohne Freund, ohne
Freundin mußt du leben, und der Welt auf immer entsagen.
PAPAGENO:
Wasser trinken? Der Welt entsagen? Nein, da will ich doch lieber eine
Alte nehmen, als gar keine. - Also gut, da hast du meine Hand mit der
Versicherung, daß ich dir immer getreu bleibe.
(für sich)
solang ich keine Schönere sehe.
ALTES WEIB
Das schwörst du?
PAPAGENO:
Ja, das schwör’ ich!
(Das Weib verwandelt sich in ein junges Weib,
welches ebenso gekleidet ist, wie Papageno).
PAPAGENA:
Papageno!
PAPAGENO:
Papagena! -
(Er will sie umarmen.)
SPRECHER
(kommt und nimmt sie hastig bei der Hand):
Fort mit dir, junges Weib! Er ist deiner noch nicht würdig!
Zurückl sag ich.
PAPAGENO:
Was heißt, bitte…
SPRECHER
(Er schleppt sie hinein, Papageno will ihr nach)
Zurück, sag ich! Oder zittre!
PAPAGENO:
So ich mich zurückziehe, soll mich doch die Erde verschlingen.
(Er sinkt hinab.)
Oh!
Scene 7
Scene 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10
II. Aufzug
Das Theater verwandelt sich in einer kurzen Garten.
(Die Drei Knaben fahren herunter.)
21. Finale
DREI KNABEN:
Bald prangt, den Morgen zu verkünden,
Die Sonn auf goldner Bahn.
Bald soll der Aberglaube schwinden,
Bald siegt der weise Mann.
O holde Ruhe, steig’ hernieder,
Kehr’ in der Menschen Herzen wieder;
Dann ist die Erd’ ein Himmelreich,
Und Sterbliche den Göttern gleich.
Erster KNABE:
Doch seht, Verzweiflung quält Paminen!
Zweiter KNABE, Dritter KNABE:
Wo ist sie denn?
Erster KNABE:
Sie ist von Sinnen!
DREI KNABEN:
Sie quält verschmähter Liebe Leiden.
Laßt uns der Armen Trost bereiten!
Fürwahr, ihr Schicksal geht uns nah!
O wäre nur ihr Jüngling da!
Sie kommt, laßt uns beiseite gehn,
Damit wir, was sie mache, sehn.
(Sie gehen beiseite. Pamina kommt, halb wahnwitzig,
mit einem Dolch in der Hand.)
PAMINA
(zum Dolch):
Du also bist mein Bräutigam?
Durch dich vollend’ ich meinen Gram.
DREI KNABEN
(beiseite):
Welch dunkle Worte sprach sie da?
Die Arme ist dem Wahnsinn nah.
PAMINA:
Geduld, mein Trauter, ich bin dein;
Bald werden wir vermählet sein.
DREI KNABEN:
Wahnsinn tobt ihr im Gehirne;
Selbstmord steht auf ihrer Stirne.
(zu Pamina)
Holdes Mädchen, sieh uns an!
PAMINA:
Sterben will ich, weil der Mann,
Den ich nimmermehr kann hassen,
Sein Traute kann verlassen.
(auf den Dolch zeigend)
Dies gab meine Mutter mir.
Drei KNABEN:
Selbstmord strafet Gott an dir!
PAMINA:
Lieber durch dies Eisen sterben,
Als durch Liebesgram verderben!
Mutter, durch dich leide ich,
Und dein Fluch verfolget mich!
Drei KNABEN:
Mädchen, willst du mit uns gehn?
PAMINA:
Ha, des Jammers Maß ist voll!
Falscher Jüngling, lebe wohl!
Sieh, Pamina, ach! stirbt durch dich,
Dieses Eisen töte mich!
(Sie holt mit der Hand aus, um sich zu erstechen.)
DREI KNABEN
(halten ihr den Arm):
Ha, Unglückliche, halt ein!
Sollte dies dein Jüngling sehen,
Würde er vor Gram vergehen;
Denn er liebet dich allein.
PAMINA
(erholt sich):
Was? Er fühlte Gegenliebe,
Und verbarg mir seine Triebe,
Wandte sein Gesicht vor mir?
Warum sprach er nicht mit mir?
DREI KNABEN:
Dieses müßen wir verschweigen,
Doch wir wollen dir ihn zeigen!
Und du wirst mit Staunen sehn,
Daß er dir sein Herz geweiht,
Und den Tod für dich nicht scheut.
Komm, wir wollen zu ihm gehen.
PAMINA:
Führt mich hin, ich möcht’ ihn seh’n!
ALLE:
Zwei Herzen, die von Liebe brennen,
Kann Menschenohnmacht niemals trennen.
Verloren ist der Feinde Müh’,
Die Götter selbst schützen sie.
(Gehen alle ab.)
Scene 8
Scene 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10
II. Aufzug
Das Theater verwandelt sich in zwei große Berge;
in dem einen ein Wasserfall, worin man Sausen und Brausen hört;
der andere speit Feuer aus; jeder Berg hat ein durchbrochenes Gegitter,
worin man Feuer und Wasser sieht;
da, wo das Feuer brennt, muß der Horizont hellrot sein,
und wo das Wasser ist, liegt schwarzer Nebel.
Die Szenen sind Felsen, jede Szene schließt sich mit einer eisernen Tür.
(Tamino ist leicht angezogen, ohne Sandalen.
Zwei schwarzgeharnischte Männer führen Tamino herein.
Auf ihren Helmen brennt Feuer;
sie lesen ihm die transparente Schrift vor,
welche auf einer Pyramide geschrieben steht,
diese Pyramide steht in der Mitte ganz in der Höohe, nahe dem Gitter.)
Die zwei GEHARNISCHTEN:
Der, welcher wandert diese Straße voll Beschwerden,
Wird rein durch Feuer, Wasser, Luft und Erden;
Wenn er des Todes Schrecken überwinden kann,
Schwingt er sich aus der Erde himmelan.
Erleuchtet wird er dann im Stande sein,
Sich den Mysterien der Isis ganz zu weih’n.
TAMINO:
Mich schreckt kein Tod, als Mann zu handeln,
Den Weg der Tugend fortzuwandeln.
Schließt mir die Schreckenspforten auf,
Ich wage froh den kühnen Lauf.
PAMINA
(von innen):
Tamino, halt! Ich muß dich sehn.
TAMINO:
Was hör ich? Paminens Stimme?
Die GEHARNISCHTEN:
Ja, ja, das ist Paminens Stimme.
ALLE:
Wohl mir/dir, nun kann sie mit mir/dir geh’n,
Nun trennet uns/euch kein Schicksal mehr,
Wenn auch der Tod beschieden wär!
TAMINO:
Ist mir erlaubt, mit ihr zu sprechen?
Die GEHARNISCHTEN:
Dir ist erlaubt, mit ihr zu sprechen.
ALLE:
Welch Glück, wenn wir uns/euch wiederseh’n.
Froh Hand in Hand in Tempel geh’n!
Ein Weib, das Nacht und Tod nicht scheut,
Ist würdig und wird eingeweiht.
(Die Tür wird aufgemacht; Tamino
und Pamina umarmen sich.)
PAMINA:
Tamino mein! O welch ein Glück!
TAMINO:
Pamina mein! O welch ein Glück!
Hier sind die Schreckenspforten,
Die Not und Tod mir dräu’n.
PAMINA:
Ich werde aller Orten
An deiner Seite sein;
Ich selbsten führe dich,
Die Liebe leitet mich!
(Sie nimmt ihn bei der Hand.)
Sie mag den Weg mit Rosen streun,
Weil Rosen stets bei Dornen sein.
Spiel du die Zauberflöte an;
Sie schütze uns auf uns’rer Bahn.
Es schnitt in einer Zauberstunde
Mein Vater sie aus tiefstem Grunde
Der tausendjähr’gen Eiche aus,
Bei Blitz und Donner, Sturm und Braus.
Nun komm und spiel’ die Flöte an,
Sie leite uns auf grauser Bahn.
ALLE:
Wir wandeln (Ihr wandelt) durch des Tones Macht
Froh durch des Todes düstre Nacht.
(Die Türen werden nach ihnen zugeschlagen;
man sieht Tamino und Pamina wandern; man hört Feuergeprassel
und Windgeheul, manchmal auch den Ton dumpfen Donners
und Wassergeräusch. Tamino bläst seine Flöte;
gedämpfte Pauken akkompagnieren manchmal darunter.
Sobald sie vom Feuer herauskommen,
umarmen sie sich und bleiben in der Mitte.)
PAMINA, TAMINO:
Wir wandelten durch Feuersgluten,
Bekämpften mutig die Gefahr.
Dein Ton sei Schutz in Wasserfluten,
So wie er es im Feuer war.
(Tamino bläst; man sieht sie hinuntersteigen und nach
einiger Zeit wieder heraufkommen; sogleich öffnet sich eine Türe;
man sieht einen Eingang in einen Tempel, welcher hell
beleuchtet ist. Eine feierliche Stille. Dieser Anblick muß den
vollkommensten Glanz darstellen. Sogleich fällt der Chor mit
Pauken und Trompeten ein. Zuvor aber Tamino und Pamina.)
PAMINA, TAMINO:
Ihr Götter, welch ein Augenblick!
Gewähret ist uns Isis’ Glück!
CHOR
(von innen):
Triumph! Triumph! Du edles Paar!
Besieget hast du die Gefahr!
Der Isis Weihe ist nun dein!
Kommt, tretet in den Tempel ein!
(Alle ab.)
Scene 9
Scene 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10
II. Aufzug
Das Theater verwandelt sich wieder in den vorigen Garten.
(Papageno kommt, dann die drei Knaben, zuletzt Papagena.)
PAPAGENO:
Papagena! Papagena! Papagena!
Weibchen! Täubchen! meine Schöne!
Vergebens! Ach, sie ist verloren!
Ich bin zum Unglück schon geboren!
Ich plauderte - und das war schlecht,
Und drum geschieht es mir schon recht!
Seit ich gekostet diesen Wein,
Seit ich das schöne Weibchen sah,
So brennt’s im Herzenskämmerlein,
So zwickt’s hier, so zwickt’s da.
Papagena! Herzensweibchen!
Papagena, liebes Täubchen!
’s ist umsonst, es ist vergebens!
Müde bin ich meines Lebens!
Sterben macht der Lieb’ ein End’,
Wenn’s im Herzen noch so brennt.
(Er den Strick von seiner Mitte)
Diesen Baum da will ich zieren,
Mir an ihm den Hals zuschnüren,
Weil das Leben mir mißfällt;
Gute Nacht, du falsche Welt.
Weil du böse an mir handelst,
Mir kein schönes Kind zubandelst,
So ist’s aus, so sterbe ich;
Schöne Mädchen, denkt an mich,
- Will sich eine um mich Armen,
Eh’ ich hänge, noch erbarmen,
Nun, so laß ich’s diesmal sein!
Rufet nur, ja oder nein. -
(Sieht sich um.)
Keine hört mich; alles stille!
Also ist es euer Wille?
Papageno, frisch hinauf!
Ende deinen Lebenslauf!
(Sieht sich um.)
Nun, ich warte noch, es sei,
Bis man zählet: eins, zwei, drei.
(Pfeift.)
Eins!
(Sieht sich um, pfeift)
Zwei!
(Sieht sich um, pfeift)
Drei!
(Sieht sich um)
Nun, wohlan, es bleibt dabei,
Weil mich nichts zurücke hält,
Gute Nacht, du falsche Welt!
(Will sich hängen.)
DREI KNABEN
(fahren herunter):
Halt ein, o Papageno! und sei klug,
Man lebt nur einmal, dies sei dir genug!
PAPAGENO:
Ihr habt gut reden, habt gut scherzen;
Doch brennt’ es euch, wie mich im Herzen,
Ihr würdet auch nach Mädchen gehn.
DREI KNABEN:
So lasse deine Glöckchen klingen,
Dies wird dein Weibchen zu dir bringen.
PAPAGENO:
Ich Narr vergaß der Zauberdinge!
Erklinge, Glockenspiel, erklinge!
Ich muß mein liebes Mädchen seh’n.
Klinget, Glöckchen, klinget,
Schafft mein Mädchen her!
Klinget, Glöckchen, klinget!
Bringt mein Weibchen her.
(Unter diesem Schlagen laufen die Drei Knaben
zu ihrem Flugwerk und bringen das Weib heraus.)
DREI KNABEN:
Nun, Papageno, sieh dich um!
(Papageno sieht sich um;
beide haben unter dem Ritornell komisches Spiel.)
PAPAGENO:
Pa-pa-pa-pa-pa-pa-Papagena!
PAPAGENA:
Pa-pa-pa-pa-pa-pa-Papageno!
PAPAGENO:
Bist du mir nun ganz gegeben?
PAPAGENA:
Nun, bin ich dir ganz gegeben!
PAPAGENO:
Nun, so sei mein liebes Weibchen!
PAPAGENA:
Nun, so sei mein Herzenstäubchen!
BEIDE:
Welche Freude wird das sein,
Wenn die Götter uns bedenken,
Unsrer Liebe Kinder schenken,
So liebe, kleine Kinderlein!
PAPAGENO:
Erst einen kleinen Papageno-
PAPAGENA:
Dann eine kleine Papagena-
PAPAGENO:
Dann wieder einen Papageno-
PAPAGENA:
Dann wieder eine Papagena-
PAPAGENO:
Papageno!
PAPAGENA
Papagena!
PAPAGENO:
Es ist das höchste der Gefühle,
Wenn viele, viele Papageno,
Der Eltern Segen werden sein.
PAPAGENA:
Es ist das höchste der Gefühle,
Wenn viele, viele Papagena,
Der Eltern Segen werden sein.
(Sie gehen ab.)
Scene 10
Scene 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10
II. Aufzug
(Monostatos kommt.
Die Königin und die Drei Damen kommen von beiden Versenkungen;
sie tragen schwarze Fackeln in der Hand.)
MONOSTATOS:
Nur stille, stille, stille,
Bald dringen wir im Tempel ein.
ALLE:
Nur stille, stille, stille,
Bald dringen wir im Tempel ein.
MONOSTATOS:
Doch, Fürstin, halte Wort!
Erfülle - dein Kind muß meine Gattin sein.
KOENIGIN:
Ich halte Wort; es ist mein Wille,
Mein Kind soll deine Gattin sein.
DREI DAMEN:
Ihr Kind soll deine Gattin sein.
(Man hört dumpfen Donner, Geräusch von Wasser.)
MONOSTATOS:
Doch still, ich höre schrecklich Rauschen,
Wie Donnerton und Wasserfall.
KOENIGIN, die Damen:
Ja, fürchterlich ist dieses Rauschen,
Wie fernen Donners Widerhall!
MONOSTATOS:
Nun sind sie in des Tempels Hallen.
ALLE:
Dort wollen wir sie überfallen -
die Frömmler tilgen von der Erd’
Mit Feuersglut und mächt’gem Schwert.
DREI DAMEN, MONOSTATOS:
Dir, große Königin der Nacht,
sei uns’rer Rache Opfer gebracht.
(Man hört der stärksten Akkord, Donner, Blitz, Sturm.)
ALLE:
Zerschmettert, zernichtet ist unsere Macht,
Wir alle gestürzt in ewige Nacht!
(Sie versinken. Sogleich verwandelt sich
das ganze Theater in eine Sonne. Sarastro steht erhöht;
Tamino, Pamina, beide in priesterlicher Kleidung. Neben ihnen die
ägyptischen Priester auf beiden Seiten.
Die Drei Knaben halten Blumen.)
SARASTRO:
Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht,
Zernichten der Heuchler erschlichene Macht.
CHOR:
Heil sei euch Geweihten!
Ihr dränget durch Nacht.
Dank sei dir, Osiris,
Dank dir, Isis, gebracht!
Es siegte die Stärke
Und krönet zum Lohn
Die Schönheit und Weisheit
Mit ewiger Kron’.
E N D E
![]()
Friday, April 17, 2009
Baghavad Gita
21 October 2007
The Baghavad Gita passages which J. Robert Oppenheimer thought at the instant the first atomic bomb detonated
Trinity atomic bomb photo
from Los Alamos National Laboratory
I am an Old Guy and just because I know absolutely nothing about Sanskrit or the Baghavad Gita, I am impatient waiting for multisubj yb to get back to me and explain what the heck is going on here, so I will continue to bumble along cluelessly and irresponsibly.
In the West, these are almost the only two passages from Baghavad Gita with which anyone is in the slightest familiar. J. Robert Oppenheimer, the theoretical physicist from the University of California at Berkeley appointed to lead the Anglo-American development of the atomic bomb, was a brilliant polymath and polyglot and had studied Sanskrit at Harvard. He recalled that these passages flew through his mind when he watched the first atomic bomb detonate in the New Mexico desert on 16 July 1945.
Oppenheimer was born and raised an American. Many of the key physicists who helped him design and build the bomb were European fugitives from the Nazis, and had worked feverishly to build the bomb before the Germans could build one. To their horror and dismay, Germany surrendered to the Allies and was out of the war, but now the bomb continued on its destructive destiny to be dropped on two Japanese cities, Hiroshima and Nagasaki, in August.
For what it’s worth, now India and Pakistan are among the 20-odd nations who possess atomic bombs. It’s a secret and nobody’s supposed to know, but Israel has about 200 fission weapons.
Oppenheimer translated Sloka 32 as “Death,” but other scholars believe the more accurate word is “Time.”
On this site, you can hear the passages spoken in Sanskrit. Maybe multisubj yb can comment on how dependably we know how ancient Sanskrit was pronounced, and we’d appreciate just about any bit of commentary he can provide. He might start by telling us what the Devanagari alphabet/script is; I guess that’s what I’ve filched in these images.
Until he gets back to us from India, we’ll just keep blundering and careening through these ancient texts as best we can.
Sunday, March 29, 2009
Hypocrite lecteur
April is the cruelest month, breeding
Lilacs
out of the
dead
land, mixing
Memory and desire,
stirringDull roots with spring
rain
.
Winter kept us warm, covering
Earth in forgetful snow, feeding
A little life with dried tubers.
Summer surprised us, coming over the
Starnbergersee
With a shower of
rain
; we stopped in the colonnade,
And went on in sunlight, into the
Hofgarten
,
And drank coffee, and talked for an hour.
Bin gar keine Russin, stamm’ aus
Litauen
, echt deutsch.
12
And
when we were children
, staying at the arch-duke’s,
My cousin’s, he took me out on a sled,
And I was frightened. He said, Marie,
Marie, hold on tight. And down we went.
In the mountains, there you feel free.
I read, much of the night, and go south in the winter.
18
What are the roots that clutch, what branches grow
Out of this stony rubbish?
Son of man,
20
You cannot say, or guess, for you know only
A heap of
broken
images, where the sun beats,
And the
dead
tree gives no shelter, the cricket no relief,
23
And the
dry
stone no sound of
water
. Only
There is shadow under this
red
rock,
(Come in under the shadow of this red rock)
,
And
I will show you something different
from either
Your shadow at morning striding behind you
Or your shadow at evening rising to meet you;
I will show you fear in a
handful of dust
.
30
Frisch weht der Wind
31
Der Heimat zu
Mein Irisch Kind
Wo weilest du?
‘You gave me
hyacinths
first a year ago;
‘They called me the
hyacinth
girl.’
-Yet when we came back, late, from the hyacinth garden,
Your arms full, and your hair wet, I could notSpeak, and my eyes
failed, I was neither
Living nor
dead
, and I knew nothing,
Looking into the heart of light, the silence.
Oed’ und leer das Meer.
42
Madame Sosostris, famous clairvoyante,
43
Had a bad cold, nevertheless
Is known to be the wisest woman in Europe,
With
a wicked pack of cards
. Here, said she,
46
Is your card, the drowned
Phoenician
Sailor,
(
Those are pearls that were his
eyes
.
Look!
)
Here is
Belladonna
,
The Lady of the Rocks
,
The lady of situations.
Here is the man with
three staves
, and here
the Wheel
,
And here is the one-eyed merchant, and this card,
Which is blank, is something he carries on his back,
Which I am forbidden to see. I do not find
The Hanged Man.
Fear death by
water
.
55
I see crowds of people, walking round in a ring.
Thank you. If you see dear Mrs. Equitone,
Tell her I bring the
horoscope
myself:
One must be so careful these days.
Unreal City
,
60
Under the
brown
fog of a winter dawn,
A crowd flowed over
London Bridge
, so many,
I had not thought death had undone so many.
63Sighs, short and infrequent, were exhaled,
64
And each man fixed his
eyes
before his feet.
Flowed up the hill and down King William Street,
To where
Saint Mary Woolnoth
kept the hours
With a
dead
sound on the final stroke of nine.
68
There I saw one I knew, and stopped him, crying: ‘Stetson!
69
‘You who were with me in the ships at
Mylae
!
‘That corpse you planted last year in your garden,
‘Has it begun to sprout? Will it bloom this year?
‘Or has the sudden frost disturbed its
bed?'O keep the Dog far hence, that's friend to men
,
74
‘Or with his nails he’ll dig it up again!
'You! Hypocrite lecteur! - mon semblable, - mon frère
Wednesday, March 18, 2009
Turnus
Aber nachdem Vater Aeneas Turnus’ Namen gehört hatte, verließ er die Mauern und die hohen Bollwerke der Stadtmauer, er räumte alle Hindernisse aus dem Wege, unterbrach vor Freude springend alle Arbeiten und donnerte schrecklich mit seinen Waffen: mächtig wie der Berg Athos oder mächtig wie der Berg Eryx oder wie wenn Vater Appenninus selbst mit seinen zitternden Steineichen tost und sich über seinen schneebedeckten Gipfel freut, hoch in die Luft sich erhebend. Nun aber drehten sich wetteifernd Rutuler, Troer und alle Italer um, sowohl diejenigen, welche die hohe Stadtmauer innehatten als auch diejenigen, die mit dem Rammbock ganz unten gegen die Mauern schlugen, und legten die Waffen von ihren Schultern ab. Latinus selbst staunte, wie gewaltige, in entlegenen Teilen der Welt geborene Männer im Zweikampf zusammengekommen waren und mit dem Schwert um die Entscheidung kämpften. Und als die Kampfbahn mit freier Fläche zur Verfügung stand, begannen jene in schnellem Ansturm, nachdem sie von fern Lanzen geworfen hatten, mit Schilden aus schallendem Erz den Kampf. Die Erde seufzte auf; dann verdoppelten sie mit ihren Schwertern die zahlreichen Hiebe, Zufall und Tapferkeit waren nicht zu unterscheiden. Und wie wenn auf dem mächtigen Berg Sila oder auf dem Gipfel des Taburnus zwei Stiere Stirn gegen Stirn in den feindlichen Kampf hineinlaufen, die Hirten ängstlich geflohen sind, das ganze Vieh stumm vor Furcht dasteht und die jungen Kühe stumm warten, wer über den Wald herrschen und wem die ganze Herde folgen soll; jene bringen sich untereinander unter starker Gewalteinwirkung Wunden bei, ihre Hörner bohren sie beharrlich hinein und waschen mit reichlichem Blut ihre Hälse und Vorderbuge, von ihrem Stöhnen hallt der ganze Wald wider: nicht anders rannten der Troer Aeneas und der rutulische Held gegeneinander mit ihren Rundschilden, gewaltiges Tosen erfüllte die Luft. Jupiter selbst hielt die zwei im Gleichgewicht befindlichen Waagschalen empor und legte die Schicksalslose hinein, in jede Waagschale eines, um herauszufinden, wem der Kampf das Urteil spreche und wohin sich der Tod durch das Gewicht neige.
At pater Aeneas audito nomine Turni
deserit et muros et summas deserit arces
praecipitatque moras omnis, opera omnia rumpit
700
laetitia exsultans horrendumque intonat armis:
quantus Athos aut quantus Eryx aut ipse coruscis
cum fremit ilicibus quantus gaudetque niuali
uertice se attollens pater Appenninus ad auras.
iam uero et Rutuli certatim et Troes et omnes
705
conuertere oculos Itali, quique alta tenebant
moenia quique imos pulsabant ariete muros,
armaque deposuere umeris. stupet ipse Latinus
ingentis, genitos diuersis partibus orbis,
inter se coiisse uiros et cernere ferro.
710
atque illi, ut uacuo patuerunt aequore campi,
procursu rapido coniectis eminus hastis
inuadunt Martem clipeis atque aere sonoro.
dat gemitum tellus; tum crebros ensibus ictus
congeminant, fors et uirtus miscetur in unum.
715
ac uelut ingenti Sila summoue Taburno
cum duo conuersis inimica in proelia tauri
frontibus incurrunt, pauidi cessere magistri,
stat pecus omne metu mutum, mussantque iuuencae
quis nemori imperitet, quem tota armenta sequantur;
720
illi inter sese multa ui uulnera miscent
cornuaque obnixi infigunt et sanguine largo
colla armosque lauant, gemitu nemus omne remugit:
non aliter Tros Aeneas et Daunius heros
concurrunt clipeis, ingens fragor aethera complet.
725
Iuppiter ipse duas aequato examine lances
sustinet et fata imponit diuersa duorum,
quem damnet labor et quo uergat pondere letum.
[728-745] An dieser Stelle richtete sich Turnus auf in der Meinung, er könne dieses ohne Gefahr tun, er reckte sich mit seinem ganzen Körper in Richtung des hoch erhobenen Schwertes und stieß zu; die Trojaner und die aufgeregten Latiner schrien auf, und die Augen beider Parteien waren weit geöffnet. Aber das unzuverlässige Schwert zerbrach, und mitten im Streich ließ es ihn wütend im Stich, falls ihm nicht die Flucht zu Hilfe gekommen wäre. Er floh schneller als der Sturmwind, sobald er den ungewohnten Schwertgriff und seine waffenlose Rechte erblickt hatte. Es geht das Gerücht, dass er, als er zum Beginn des Kampfes die angeschirrten Pferde bestieg, das vom Vater ererbte Schwert zurückgelassen und kopflos in der Eile das Eisen seines Wagenlenkers Metiscus an sich gerissen habe; und dieses reichte lange aus, solange die Teukrer nach allen möglichen Richtungen flüchteten: Nachdem er an die Waffen des Gottes Vulkan geraten war, zersprang durch den Schlag das sterbliche Schwert wie zerbrechliches Eis; im gelben Sand strahlten die Bruchstücke zurück. Also eilte Turnus außer sich auf der Flucht zu verschiedenen Stellen in der Ebene, und bald hier, bald dort lief er unsicher im Kreis herum; denn überall schlossen ihn die Teukrer durch einen dichten Kreis von Zuschauern ein, und hier umgab ihn ein großer Sumpf, dort eine hohe Stadtmauer.
Emicat hic impune putans et corpore toto
alte sublatum consurgit Turnus in ensem
730
et ferit; exclamant Troes trepidique Latini,
arrectaeque amborum acies. at perfidus ensis
frangitur in medioque ardentem deserit ictu,
ni fuga subsidio subeat. fugit ocior Euro
ut capulum ignotum dextramque aspexit inermem.
735
fama est praecipitem, cum prima in proelia iunctos
conscendebat equos, patrio mucrone relicto,
dum trepidat, ferrum aurigae rapuisse Metisci;
idque diu, dum terga dabant palantia Teucri,
suffecit; postquam arma dei ad Volcania uentum est,
740
mortalis mucro glacies ceu futtilis ictu
dissiluit, fulua resplendent fragmina harena.
ergo amens diuersa fuga petit aequora Turnus
et nunc huc, inde huc incertos implicat orbis;
undique enim densa Teucri inclusere corona
745
atque hinc uasta palus, hinc ardua moenia cingunt. [746-765]
Und ebenso verfolgte ihn Aeneas, obwohl seine vom Pfeil geschwächten Knie ihn bisweilen behinderten und ihm das Laufen versagten, und hitzig war er der fliehenden Beute dicht auf den Fersen: wie wenn einmal ein Jagdhund einen Hirschen gefunden hat, der durch einen Fluss eingeschlossen oder durch die Angst vor der roten Feder eingezäunt ist, und ihm durch einen schnellen Lauf und durch Bellen nachsetzt; jener aber, durch die List und das hohe Ufer erschreckt, flieht hin und zurück auf tausend Wegen, aber der lebhafte umbrische Jagdhund bleibt ihm mit aufgesperrtem Maul auf den Fersen, im nächsten Augenblick beißt er zu und einem Zubeißenden ähnlich knirscht er mit seinen Kiefern und ist getäuscht durch den vergeblichen Biss: Dann aber erhebt sich Lärm, Ufer und Seen ringsum hallen wider und der ganze Himmel ertönt durch das Getöse. Jener ergriff ebenso sehr die Flucht wie er alle Rutuler anfuhr, indem er jeden bei seinem Namen rief, und er forderte stürmisch sein vertrautes Schwert. Aeneas dagegen drohte Tod und augenblickliche Vernichtung an, falls sich jemand nähere, die Zitternden erschreckte er, drohend, er werde die Stadt zerstören, und trotz seiner Verwundung setzte er nach. Fünf Kreise durchliefen sie und ebenso viele liefen sie hierhin und dorthin zurück; denn es geht um keinen billigen oder beim Wettspiel ausgesetzten Preis, sondern sie kämpfen um Turnus’ Leben und Blut.
Nec minus Aeneas, quamquam tardata sagitta
interdum genua impediunt cursumque recusant,
insequitur trepidique pedem pede feruidus urget:
inclusum ueluti si quando flumine nactus
750
ceruum aut puniceae saeptum formidine pennae
uenator cursu canis et latratibus instat;
ille autem insidiis et ripa territus alta
mille fugit refugitque uias, at uiuidus Vmber
haeret hians, iam iamque tenet similisque tenenti
755
increpuit malis morsuque elusus inani est;
tum uero exoritur clamor ripaeque lacusque
responsant circa et caelum tonat omne tumultu.
ille simul fugiens Rutulos simul increpat omnis
nomine quemque uocans notumque efflagitat ensem.
760
Aeneas mortem contra praesensque minatur
exitium, si quisquam adeat, terretque trementis
excisurum urbem minitans et saucius instat.
quinque orbis explent cursu totidemque retexunt
huc illuc; neque enim leuia aut ludicra petuntur
765
praemia, sed Turni de uita et sanguine certant.
[766-790]
Zufällig hatte hier ein dem Faunus heiliger wilder Ölbaum mit bitteren Blättern gestanden, einst ein den Seeleuten verehrungswürdiger Baum, an dem die aus dem Meer geretteten Laurentiner für ihren Gott Geschenke anzubringen und die versprochenen Kleider aufzuhängen pflegten; aber die Teukrer hatten den heiligen Baum rücksichtslos gefällt, damit sie auf dem freien Feld zum Kampf anstürmen konnten: Hier steckte Aeneas’ Lanze fest, hier hatte sie ihr Schwung fest einschlagen lassen und hielt sie in der zähen Wurzel zurück. Der Dardanide packte zu, wollte das Eisen eigenhändig herausreißen und mit der Lanze denjenigen verfolgen, den er im Lauf nicht einholen konnte. Dann aber sagte Turnus außer sich vor Furcht: “Faunus, ich bitte dich, habe Erbarmen, und du, beste Erde, halte das Eisen fest, falls ich immer euch zu Ehren die Feste begangen habe, welche die Aeneaden hingegen durch Krieg entweiht haben.” So sprach er und rief die Hilfe der Gottheit nicht für vergebliche Wünsche an. Denn obwohl Aeneas sich lange abmühte und bei der zähen Wurzel verweilte, vermochte er es mit seinen Kräften nicht, die Baumspalte zu öffnen. Während er sich eifrig anstrengte und nicht abließ, verwandelte sich Juturna wiederum in die Gestalt des Wagenlenkers Metiscus, lief vor und gab ihrem Bruder das Schwert zurück. Da Venus sich ärgerte, dass dieses einer verwegenen Nymphe möglich war, trat sie heran und riss die Lanze aus der tiefen Wurzel. Jene, hochgemut und neu gerüstet mit Waffen und Selbstvertrauen, der eine sich auf sein Schwert verlassend und der andere stürmisch und hoch aufragend mit seiner Lanze, gingen der Entscheidung des Krieges entgegen, keuchend.
Forte sacer Fauno foliis oleaster amaris
hic steterat, nautis olim uenerabile lignum,
seruati ex undis ubi figere dona solebant
Laurenti diuo et uotas suspendere uestis;
770
sed stirpem Teucri nullo discrimine sacrum
sustulerant, puro ut possent concurrere campo.
hic hasta Aeneae stabat, huc impetus illam
detulerat fixam et lenta radice tenebat.
incubuit uoluitque manu conuellere ferrum
775
Dardanides, teloque sequi quem prendere cursu
non poterat. tum uero amens formidine Turnus
‘Faune, precor, miserere’ inquit ‘tuque optima ferrum
Terra tene, colui uestros si semper honores,
quos contra Aeneadae bello fecere profanos.’
780
dixit, opemque dei non cassa in uota uocauit.
namque diu luctans lentoque in stirpe moratus
uiribus haud ullis ualuit discludere morsus
roboris Aeneas. dum nititur acer et instat,
rursus in aurigae faciem mutata Metisci
785
procurrit fratrique ensem dea Daunia reddit.
quod Venus audaci nymphae indignata licere
accessit telumque alta ab radice reuellit.
olli sublimes armis animisque refecti,
hic gladio fidens, hic acer et arduus hasta,
790
adsistunt contra certamina Martis anheli.
[791-842]
Inzwischen sprach der König des allmächtigen Olymps Juno an, während sie die Kämpfe von einer dunklen Wolke herab betrachtete: “Was wird jetzt das Ende sein, Gattin? Was bleibt schließlich übrig? Du selbst weißt es und gibst zu wissen zu, dass Aeneas als Landesgott dem Himmel geschuldet und durch das Schicksal zu den Gestirnen emporgehoben wird. Was bezweckst du? Oder in welcher Hoffnung bleibst du auf den kühlen Wolken stehen? Gehörte es sich, dass ein Gott durch eine von einem Sterblichen beigebrachte Wunde verletzt wurde? Oder dass das Schwert (Was nämlich hätte Juturna ohne dich vermocht?), nachdem es entrissen, Turnus zurückgegeben wurde und die Stärke der Besiegten zunahm? Höre jetzt endlich auf und lass dich von unseren Bitten umstimmen, nicht soll dich solch großer Schmerz im Stillen verzehren und die düsteren Sorgen nicht oft aus deinem süßen Mund zu mir zurückkehren. Das Ziel ist erreicht. Über Land und Meer konntest du die Trojaner jagen, einen unsäglichen Krieg entfachen, eine Familie zerstören und die Hochzeit mit Trauer vermischen: Weiteres zu versuchen verbiete ich dir.” So begann Jupiter; so antwortete Juno, die Tochter Saturns, mit gesenktem Blick: “Weil mir dieser dein Wille ja bekannt ist, großer Jupiter, habe ich Turnus und die Erde unwillig verlassen; nicht würdest du mich jetzt allein auf meinem Sitz in der Höhe Verdientes wie Unverdientes erleiden sehen, sondern von Flammen umgeben stände ich mitten in der Schlacht und zöge die Teukrer in die feindlichen Kämpfe hinein. Juturna habe ich dazu bestimmt, ich gebe es zu, ihrem unglücklichen Bruder zu Hilfe zu eilen, und ich habe es gebilligt, dass sie für das Leben ihres Bruders Größeres wagte, dennoch nicht so, dass sie mit Pfeilen zielte, nicht so, dass sie den Bogen anspannte; ich schwöre bei dem unversöhnlichen Haupt der Styx, der einzige Schwur, der den Göttern der Oberwelt gegeben ist. Und nun ziehe ich mich für meine Person zurück und verlasse voll grimmigen Hasses die Kämpfe. Um jenes, was sich an kein Gesetz des Schicksals gebunden fühlt, bitte ich dich inständig zugunsten Latiums, zugunsten der Hoheit der Deinen: Wenn sie jetzt den Frieden durch glückliche Vermählungen besiegeln (so soll es sein), wenn sie jetzt gesetzliche Verträge schließen, dann sollst du nicht den eingeborenen Latinern befehlen, ihren alten Namen zu ändern, Trojaner zu werden und sich Teukrer nennen zu lassen, oder den Männern, die Sprache zu wechseln und das Gewand zu tauschen. Es soll ein Latium geben, es soll Könige aus Alba durch die Zeitalter hindurch geben, es soll ein römisches Geschlecht geben, das mächtig ist in seiner italischen Jugend: Untergegangen ist Troja, und lasse es mit seinem Namen untergegangen sein.” Jener lächelte der Urheber der Menschen und Dinge zu und sagte: “Du bist die Schwester Jupiters und das andere Kind Saturns, und trotzdem wälzt du so starke Fluten des Zorns tief in der Brust. Aber wohlan, zwinge die Wut nieder, die du vergeblich begonnen hast: Ich gebe, was du willst, und ich gebe überwältigt und freiwillig nach. Ihre Muttersprache und ihre Sitten werden die Ausonier behalten, und ihr Name wird sein, wie er ist; nur blutmäßig vermischt siedeln sich die Teukrer an. Die Lebensart und die Opferriten werde ich hinzufügen, und alle werde ich durch eine Sprache zu Latinern machen. Dass die Nachkommenschaft, die vermischt mit ausonischem Blut hieraus entstehen wird, Menschen und Götter an Pflichtgefühl übertrifft, wirst du sehen, und kein Volk wird dir zu Ehren in gleicher Weise Feste begehen.” Juno stimmte diesen Worten zu und änderte freudig ihre Gesinnung. Inzwischen entfernte sie sich vom Himmel und ließ die Wolke zurück.
Iunonem interea rex omnipotentis Olympi
adloquitur fulua pugnas de nube tuentem:
‘quae iam finis erit, coniunx? quid denique restat?
indigetem Aenean scis ipsa et scire fateris
795
deberi caelo fatisque ad sidera tolli.
quid struis? aut qua spe gelidis in nubibus haeres?
mortalin decuit uiolari uulnere diuum?
aut ensem (quid enim sine te Iuturna ualeret?)
ereptum reddi Turno et uim crescere uictis?
800
desine iam tandem precibusque inflectere nostris,
ne te tantus edit tacitam dolor et mihi curae
saepe tuo dulci tristes ex ore recursent.
uentum ad supremum est. terris agitare uel undis
Troianos potuisti, infandum accendere bellum,
805
deformare domum et luctu miscere hymenaeos:
ulterius temptare ueto.’ sic Iuppiter orsus;
sic dea summisso contra Saturnia uultu:
‘ista quidem quia nota mihi tua, magne, uoluntas,
Iuppiter, et Turnum et terras inuita reliqui;
810
nec tu me aeria solam nunc sede uideres
digna indigna pati, sed flammis cincta sub ipsa
starem acie traheremque inimica in proelia Teucros.
Iuturnam misero (fateor) succurrere fratri
suasi et pro uita maiora audere probaui,
815
non ut tela tamen, non ut contenderet arcum;
adiuro Stygii caput implacabile fontis,
una superstitio superis quae reddita diuis.
et nunc cedo equidem pugnasque exosa relinquo.
illud te, nulla fati quod lege tenetur,
820
pro Latio obtestor, pro maiestate tuorum:
cum iam conubiis pacem felicibus (esto)
component, cum iam leges et foedera iungent,
ne uetus indigenas nomen mutare Latinos
neu Troas fieri iubeas Teucrosque uocari
825
aut uocem mutare uiros aut uertere uestem.
sit Latium, sint Albani per saecula reges,
sit Romana potens Itala uirtute propago:
occidit, occideritque sinas cum nomine Troia.’
olli subridens hominum rerumque repertor:
830
‘es germana Iouis Saturnique altera proles,
irarum tantos uoluis sub pectore fluctus.
uerum age et inceptum frustra summitte furorem:
do quod uis, et me uictusque uolensque remitto.
sermonem Ausonii patrium moresque tenebunt,
835
utque est nomen erit; commixti corpore tantum
subsident Teucri. morem ritusque sacrorum
adiciam faciamque omnis uno ore Latinos.
hinc genus Ausonio mixtum quod sanguine surget,
supra homines, supra ire deos pietate uidebis,
840
nec gens ulla tuos aeque celebrabit honores.’
adnuit his Iuno et mentem laetata retorsit;
interea excedit caelo nubemque relinquit.
[843-868]
Danach bedachte der Vater selbst anderes bei sich und schickte sich an, Juturna vom Kampf ihres Bruders zu entfernen. Zwei Unholde namens Erinnyen soll es geben, welche gemeinsam mit der unterirdischen Megaera die tiefe Nacht in ein und derselben Geburt zur Welt brachte, die sie mit kreisförmig gewundenen Schlangen gleichermaßen umgab und denen sie windschnelle Flügel verlieh. Diese erscheinen beim Thron Jupiters und auf der Schwelle des wütenden Königs, und sie steigern die Furcht für die geplagten Menschen, falls der König der Götter irgendwann den schaurigen Tod und Krankheiten schickt oder schuldbeladene Städte durch Krieg in Schrecken versetzt. Eine von ihnen schickte Jupiter schnell aus der Höhe des Himmels herab und befahl ihr Juturna als schreckendes Vorzeichen zu begegnen: Jene flog und eilte in einem schnellen Wirbelwind auf die Erde. Nicht anders als ein von einer Bogensehne durch eine Wolke hindurch abgeschossener Pfeil, den mit einem schrecklichen und bitteren Gift bestrichen, ein tödliches Geschoss, der Parther, der Parther oder der Cydone, geworfen hat, zischend und unerkannt die Dunkelheit schnell durchfliegt: so eilte die Tochter der Nacht dahin und suchte die Erde auf. Nachdem sie die trojanischen Schlachtreihen und die Truppen des Turnus erblickt hatte, zog sie sich plötzlich in die Gestalt eines kleinen Vogels zusammen, der bisweilen auf Gräbern oder einsamen Friedhöfen nachts sitzt und unheilvoll in die Dunkelheit ein spätes Lied erklingen lässt – in diese Gestalt verwandelt flatterte das Scheusal vor Turnus’ Gesicht rufend hin und her und schlug mit den Flügeln gegen seinen Rundschild. Eine neue Erstarrung lähmte seine Glieder mit Furcht, seine Haare waren vor Schrecken aufgerichtet und seine Stimme blieb ihm in der Kehle stecken.
is actis aliud genitor secum ipse uolutat
Iuturnamque parat fratris dimittere ab armis.
845
dicuntur geminae pestes cognomine Dirae,
quas et Tartaream Nox intempesta Megaeram
uno eodemque tulit partu, paribusque reuinxit
serpentum spiris uentosasque addidit alas.
hae Iouis ad solium saeuique in limine regis
850
apparent acuuntque metum mortalibus aegris,
si quando letum horrificum morbosque deum rex
molitur, meritas aut bello territat urbes.
harum unam celerem demisit ab aethere summo
Iuppiter inque omen Iuturnae occurrere iussit:
855
illa uolat celerique ad terram turbine fertur.
non secus ac neruo per nubem impulsa sagitta,
armatam saeui Parthus quam felle ueneni,
Parthus siue Cydon, telum immedicabile, torsit,
stridens et celeris incognita transilit umbras:
860
talis se sata Nocte tulit terrasque petiuit.
postquam acies uidet Iliacas atque agmina Turni,
alitis in paruae subitam collecta figuram,
quae quondam in bustis aut culminibus desertis
nocte sedens serum canit importuna per umbras
865
hanc uersa in faciem Turni se pestis ob ora
fertque refertque sonans clipeumque euerberat alis.
illi membra nouus soluit formidine torpor,
arrectaeque horrore comae et uox faucibus haesit.
[869-886]
Aber sobald sie aus der Ferne den Ruf und die Flügel der Furie erkannt hatte, raufte seine unglückliche Schwester Juturna ihre gelösten Haare, mit ihren Fingernägeln das Gesicht verunstaltend und mit ihren Fäusten die Brust: “Was kann dir, Turnus, deine Schwester jetzt noch helfen? Oder was bleibt mir jetzt noch übrig, der ich so vieles ertragen habe? Durch welches Geschick soll ich dir das Leben retten? Kann ich mich einem solchen Ungeheuer entgegenstellen? Im nächsten Augenblick verlasse ich die Schlachtreihen. Erschreckt mich nicht, da ich mich bereits fürchte, ihr unheilvollen Vögel: Die Flügelschläge erkenne ich und den todkündenden Laut, und nicht führen mich die stolzen Befehle des hochherzigen Jupiter in die Irre. Gibt er dieses als Ersatz für die (verlorene) Jungfräulichkeit? Wozu hat er mir ewiges Leben gegeben? Warum ist mir das Todeslos genommen worden? Ich könnte jetzt gewiss meine so großen Schmerzen beenden und meinen armen Bruder durch das Schattenreich begleiten! Bin ich unsterblich? Oder wird irgendetwas von dem, was mein ist, ohne dich, Bruder, angenehm für mich sein? Welche genügend tiefe Stelle der Erde könnte sich mir öffnen und mich, obwohl ich eine Göttin bin, zu den Manen in die Tiefe hinabschicken?” Nachdem die Göttin so viel gesagt hatte, bedeckte sie ihren Kopf mit einem blaugrünen Umhang, unter vielen Klagen, und verbarg sich in ihrem tiefen Fluss.
At procul ut Dirae stridorem agnouit et alas,
870
infelix crinis scindit Iuturna solutos
unguibus ora soror foedans et pectora pugnis:
‘quid nunc te tua, Turne, potest germana iuuare?
aut quid iam durae superat mihi? qua tibi lucem
arte morer? talin possum me opponere monstro?
875
iam iam linquo acies. ne me terrete timentem,
obscenae uolucres: alarum uerbera nosco
letalemque sonum, nec fallunt iussa superba
magnanimi Iouis. haec pro uirginitate reponit?
quo uitam dedit aeternam? cur mortis adempta est
880
condicio? possem tantos finire dolores
nunc certe, et misero fratri comes ire per umbras!
immortalis ego? aut quicquam mihi dulce meorum
te sine, frater, erit? o quae satis ima dehiscat
terra mihi, Manisque deam demittat ad imos?’
885
tantum effata caput glauco contexit amictu
multa gemens et se fluuio dea condidit alto.
[887-918]
Aeneas stürmte an und schwang einen gewaltigen, baumlangen Speer, und so sprach er aus wütender Brust: “Was säumst du jetzt noch immer? Und was sträubst du dich jetzt noch, Turnus? Nicht im Wettlauf, sondern mit schrecklichen Waffen gilt es im Nahkampf zu streiten. Wandle dich in jede Gestalt und nimm zusammen, was auch immer du aufgrund deines Mutes oder deiner Geschicklichkeit vermagst; versuche hoch zu den Sternen zu fliegen oder dich in der hohlen Erde zu verbergen, um dort eingeschlossen zu sein.” Jener schüttelte seinen Kopf: “Nicht erschrecken mich deine hitzigen Worte, du Wüterich; die Götter erschrecken mich und Jupiter, mein Feind.” Und ohne noch mehr zu sagen, sah er sich nach einem gewaltigen Stein um, einem alten, gewaltigen Stein, der zufällig auf dem Feld lag, um als Grenzmal den Streit um die Gefilde zu schlichten. Kaum hätten jenen zweimal sechs ausgesuchte Männer auf ihre Schultern nehmen können, Körper von Männern, wie sie jetzt die Erde hervorbringt; jener Held versuchte den mit hastiger Hand losgerissenen Stein gegen den Feind zu schleudern, sich höher aufrichtend und in schnellem Lauf. Aber er erkannte sich nicht wieder, weder wie er lief noch wie er einherschritt oder die Hände erhob und den riesigen Felsen bewegte; seine Knie wankten und sein Blut erstarrte vor kaltem Schauer zu Eis. Dann legte der Stein selbst, den der Mann nur mühsam durch den leeren Raum geworfen hatte, weder die ganze Entfernung zurück noch kam er ans Ziel. Und gleichwie im Traum, sobald sich träge Ruhe nachts auf die Augen gesenkt hat, wir vergeblich einen raschen Lauf zu unternehmen scheinen und inmitten unserer Bemühungen kraftlos niedersinken – die Zunge versagt, in unserem Körper reichen die gewohnten Kräfte nicht aus und weder Stimme noch Worte gehorchen: so verweigerte dem Turnus, wo auch immer er tapfer den Weg suchte, die grausige Göttin den Erfolg. Dann durchzogen verschiedene Gefühle seine Brust; die Rutuler betrachtete er und ihre Stadt, er zögerte aus Angst und fürchtete, dass der Tod drohte, weder wohin er sich retten noch mit welcher Kraft er dem Feind begegnen sollte, weder seinen Streitwagen sah er irgendwo noch seine Schwester, die seine Wagenlenkerin war.
eneas instat contra telumque coruscat
ingens arboreum, et saeuo sic pectore fatur:
‘quae nunc deinde mora est? aut quid iam, Turne, retractas?
890
non cursu, saeuis certandum est comminus armis.
uerte omnis tete in facies et contrahe quidquid
siue animis siue arte uales; opta ardua pennis
astra sequi clausumque caua te condere terra.’
ille caput quassans: ‘non me tua feruida terrent
895
dicta, ferox; di me terrent et Iuppiter hostis.’
nec plura effatus saxum circumspicit ingens,
saxum antiquum ingens, campo quod forte iacebat,
limes agro positus litem ut discerneret aruis.
uix illum lecti bis sex ceruice subirent,
900
qualia nunc hominum producit corpora tellus;
ille manu raptum trepida torquebat in hostem
altior insurgens et cursu concitus heros.
sed neque currentem se nec cognoscit euntem
tollentemue manu saxumue immane mouentem;
905
genua labant, gelidus concreuit frigore sanguis.
tum lapis ipse uiri uacuum per inane uolutus
nec spatium euasit totum neque pertulit ictum.
ac uelut in somnis, oculos ubi languida pressit
nocte quies, nequiquam auidos extendere cursus
910
uelle uidemur et in mediis conatibus aegri
succidimus; non lingua ualet, non corpore notae
sufficiunt uires nec uox aut uerba sequuntur:
sic Turno, quacumque uiam uirtute petiuit,
successum dea dira negat. tum pectore sensus
915
uertuntur uarii; Rutulos aspectat et urbem
cunctaturque metu letumque instare tremescit,
nec quo se eripiat, nec qua ui tendat in hostem,
nec currus usquam uidet aurigamue sororem.


